Heerlen: Furioser Auftakt des Festivals Cultura Nova in Heerlen

Heerlen : Furioser Auftakt des Festivals Cultura Nova in Heerlen

Ein Fest der Sinne, das Verborgenes ausleuchtet und in den Weltraum schickt: Die 28. Ausgabe des Festivals Cultura Nova in Heerlen und Umgebung zeigt mit 250 Veranstaltungen, wie anders Kultur sein kann. Gestalterische Kraft zeigte bereits die Eröffnung auf dem Burgemeester van Grunsvenplein mit der akrobatisch geprägten italienischen Truppe Kitonb und „Carillon — the Flight of Time“.

Dicht gedrängt stehen rund 20.000 Menschen auf dem Platz. Dunkelheit senkt sich über die Stadt. Die Spannung ist groß. Endlich sendet Kitonb den virtuell zündenden Funken mit einem Sternenstrom in die Menge, ein gewaltiger Planet steigt auf, grau, urzeitlich. Und dann wird es bunt.

Lasset die Spiele beginnen: Mit der „Carmina Burana“ (oben) und der Akrobatiktruppe Kitonb startete das Festival Cultura Nova. Foto: Dagmar Meyer-Roeger

Fantasiewesen erobern den Raum und umfangen alle mit einem Sturm aus weiß, silbern und bunt wirbelndem Schnee. Ein rotierender Kubus auf der Bühne mit einem Geflecht aus Verstrebungen nimmt die Akteure auf, sie klettern hinauf, stürzen sich hinab, hängen, zappeln fest, scheitern und siegen. Der Schrecken ist groß bis man begreift, dass das Geflecht aus dicken Elastikkabeln besteht — 600 Meter davon.

Cultura Nova 2018. Foto: Luc Lodder

Die Welt ersteht neu

Die Geschichte ist eine Mischung aus Genesis und Mythen. Die Welt geht unter und ersteht neu, Existenzen aus dem All schweben ein. Man kann den Blick kaum noch vom Himmel wenden. In 80 Metern Höhe lässt der Spezialkran vier Ringe schaukeln, darin turnen Akrobaten, die sich drehen, kopfüber oder im Spagat umeinander schaukeln. Regisseur Angelo Bonello führt Videoprojektionen, Musik und Choreographie zu einem Gesamtkunstwerk zusammen.

Der Soundtrack mit Elementen aus Klassik, Barock und Weltmusik nimmt akustisch gefangen. Eine Sängerin und zarte Wesen tauchen auf, die an frisch geschlüpfte Schmetterlinge erinnern. Schließlich senkt sich ein Flugobjekt vom Himmel, das an Leonardos Zeichnungen erinnert. Die Flügelkinder hängen sich an, werden in höchste Höhen gezogen, feurige Farbwolken explodieren - das ist „Carillon“.

Der Flug durch die Zeit geht weiter: In der Sandgrube Beaujean mit Carl Orffs „Carmina Burana“, einer wahnwitzigen Inszenierung der spanischen Experten für eruptive Kunst — La Fura dels Baus. Cultura Nova hat sich ein opulentes Event geleistet, denn die Produktion des katalanischen Regisseurs Carlus Padrissa verlangt einen gigantischen Aufwand. Aber 8000 verkaufte Tickets machen es möglich. Gelungen ist die Kooperation mit der Philharmonie Zuid-Nederland unter der Leitung ihres Dirigenten Joseph Vincent, der sich als charismatischer Orchesterleiter erweist und zudem die weiß gewandeten Sängerinnen und Sänger der Opera Zuid und des Theaters Aachen sympathisch lenkt.

Endlich dann die bekannten Paukenschläge der Komposition von Carl Orff (1895-1982) nach lateinischen und deutschen Vaganten-Liedern des Mittelalters: „O Fortuna“. Das Rad des Schicksals nimmt Fahrt auf. Raffinierte Optik prägt ein Bühnenbild der Überraschungen und Projektionen.

Lasziv im Wasserbassin

Darstellerin Luca Espinosa wird in ein gläsernes Wasserbassin gesteckt, wo man sie als lasziv schlängelnde Meerjungfrau bestaunt. Dann wieder springt Bariton Toni Marsol, der an einen wahnwitzigen Rasputin erinnert, mit nacktem Oberkörper zunächst ins Publikum, schließlich auf die Bühne. Es geht um Leben und Leidenschaft, um entfesselte Träume, Süchte und Sehnsüchte. Maskenhafte Schminke, schräg kokette Augenaufschläge erinnern an die Pekingoper.

Dabei ist Padrissa in seiner Regie gewohnt deftig zupackend, wenn er den gebratenen Schwan auf dem schwebenden Grill singend sein eigenes Fleisch knabbern lässt (Countertenor Jordi Domenech) und die Minne-Geschichte mit der lustvoll sich zierenden Dame (Sopran Amparo Navarro) in einem Garten der fleischfressenden Pflanzen mit höchst erotischen Anspielungen spielen lässt.

Sie ist prall, heftig, lüstern, manchmal gewaltgeladen, diese wuchtige Umsetzung der Orffschen Tondichtung, der Padrissa Irrwitz und philosophische Visionen, Schönheit und Schrecken entlockt. Die abgesenkte runde Bühnenkonstruktion bannt die Blicke mit einer kreisenden Runenschrift, Feuerwerk lässt die Gänse am Wasser auffliegen. Euphorischer Applaus für alle.

Das Festival Cultura Nova ist noch bis zum 2. September in Heerlen und Umgebung zu erleben. Infos unter www.culturanova.nl/de.