Aachen: „Frühstück bei Tiffany“: Langer Abend mit guter Ensembleleistung

Aachen : „Frühstück bei Tiffany“: Langer Abend mit guter Ensembleleistung

„Moon River“ — wenn Schauspielerin Lara Beckmann Henry Mancinis gefühligen Titel aus dem Soundtrack des Films „Frühstück bei Tiffany“ gegen Ende der Inszenierung mit gebrochener Mädchenstimme singt, geht das zu Herzen: „Frühstück bei Tiffany“ nach der Erzählung von Truman Capote (1958) ist mehr, als die Romanze, die Blake Edwards in seiner Verfilmung des Stoffs 1961 daraus gemacht hat.

Das Foto der bezaubernden Stil-Ikone Audrey Hepburn im raffinierten Givenchy-Abendkleid, Zigarettenspitze in der Hand, gilt bis heute als eines der beliebtesten Motive, wenn es um den Inbegriff von Eleganz im „kleinen Schwarzen“ geht. Aber wer weiß schon, was Capote erzählen wollte?

Für das Theater Aachen hat Regisseur Jan Langenheim eine Spielfassung erarbeitet, die den Zuschauer dort abholt, wo er beim Plakatmotiv verharrt. Verwunschen die Projektion, das einsame New York im rosig-grauen Licht eines frühen Morgens, das Juweliergeschäft Tiffany, eine zierliche Gestalt im rückenfreien Abendkleid steigt aus einem Taxi, trinkt aus einem Becher Kaffee, nimmt ein dänisches Plunderstückchen aus einer Bäckertüte und beißt hinein. Dann dreht sich der Standort. Es ist, als ob der Zuschauer im Juwelierladen steht und das Mädchen, das von Diamanten träumt, nun von vorn sieht. Aus Film wird Gegenwart. Aus der Stil-Ikone eine junge Frau auf der Suche nach Glück.

Für die Aachener Bühne haben es Bühnenbildnerin Anja Jungheinrich, Regisseur Langenheim sowie Video-Experte Luca Fois übernommen, den Blick zu weiten und zu vertiefen. Es gibt verschiebbare Wände, mal ist dort eine Projektionsfläche der Träume, dann wieder Partyszene, nichts ist beständig, alles schwankt, rollt vor und zurück. Das Mädchen heißt Lula Mea, nennt sich aber „Holly Golightly“. Sie will aufsteigen, mit ihrem Charme in der New Yorker Gesellschaft avancieren, sich zur Not prostituieren, einen reichen Typen angeln — koste es, was es wolle. Und es kostet sie mehr, als sie vermutet, frisst sie auf. Lara Beckmann verkörpert intensiv diese Holly. Sie ist lebendig, verrückt, unbedacht, raffiniert, manchmal kaltblütig. Ihre verletzliche Seite zeigt die Videokamera, ein Kind, traurig. Langenheim erzählt ihre Geschichte mit Sorgfalt, allerdings langatmig.

Da gibt es den jungen Schriftsteller, der sich später als echter Freund erweisen soll. Benedikt Voellmy, sehr zugewandt, mit behutsamer Distanz, neugierig und zugleich hilflos. Als Mr. T.C. bringt Karsten Meyer das Moment der Verführung, der Selbsttäuschung ins Spiel. Der geschmeidige Mann in der femininen Pelzjacke ist Synonym für eine Gesellschaft, die mit dem Cocktailglas in der Hand den Kick sucht, eiskalt bleibt.

Auch die biegsame Elke Borkenstein als anpassungswillige Meg „The Cat”, die zu allen Spielchen bereit ist, und der äußerst wandlungsfähige, bewegliche und witzige Thomas Hamm als „Rusty“ sind Gestalten, die von den Akteuren mit viel Skurrilität belebt werden.

Sex, Flirt, Tanz — all das ist für Partygirl Holly ein Kapital, das sie bestmöglich einsetzen will. Kostümbildnerin Veronika Bleffert sorgt für die entsprechende Garderobe, vom „kleinen Schwarzen“ bis zum pinkfarbenen Kleidchen.

Lara Beckmann lässt keinen Zweifel daran, dass Holly, die Schöne vor Tiffany, nur ein schlichtes Mädchen ist, das sich viel zu früh in ein Leben geworfen hat, in dem sie untergehen muss. Langenheim inszeniert detailverliebt, sorgt immer wieder — nicht zuletzt durch eingestreute, live gesungene Songs (Musik: Malcolm Kemp) — für Film-Atmosphäre und das Gefühl vom unerreichbaren American Dream. Es fehlen allerdings der Mut und die Konsequenz zur klaren Linienführung. Das zieht den Abend enorm in die Länge.

Zwei Stunden ohne Pause sind ermüdend. Viel Beifall für die gute Ensembleleistung.

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