1. Kultur

Düsseldorf: Frieren für Harry Potter in der Nacht

Düsseldorf : Frieren für Harry Potter in der Nacht

In der Nacht zum Samstag um 0.01 Uhr schlug in vier Städten in NRW die Stunde der Harry-Potter-Fans.

Straßenmagazine und ihre Ver- käufer trotzten der Kälte, um das erste Kapitel des fünften Bandes in deutscher Übersetzung vorab zu veröffentlichen.

Reißenden Absatz hätten die Blätter gefunden, berichteten mehrere Straßenmagazin- Chefredakteure später. AZ-Mitarbeiterin Susanne Schramm berichtet.

Die Luft ist so eisig, dass der Atem kleine, weiße Wölkchen bildet. Jürgen Weber und die anderen Verkäufer des Straßenmagazins „fiftyfifty” sind dick vermummt gegen die klirrende Kälte. Sie warten.

Die ebenso dick vermummten Medienvertreter warten auch. Um eine Minute nach Mitternacht kommt Bewegung in die Menge, die sich vor dem Carsch-Haus im Herzen der Düsseldorfer City versammelt hat.

Die Verkäufer drängen sich dichter um den grazilen, schmiedeeisernen Pavillon auf dem Heinrich-Heine-Platz, die Fernsehleute schultern ihre Kameras, die Hörfunkmacher zücken Mikrofone und Aufnahmegeräte, die Printjournalisten kramen Blöcke und Stifte heraus.

Ein Mann mit Brille, kurzen blonden Haaren und akkurat gestutztem Vollbart erklimmt die steinerne Ba- lustrade des Pavillons und nimmt Platz auf einem Stapel Zeitungen. Er trägt eine braune Kutte.

Bruder Matthäus holt tief Luft und beginnt zu lesen: „Der bislang heißeste Tag des Sommers neigte sich dem Ende zu, und eine schläfrige Stille lag über den großen wuchtigen Häusern des Liguster-wegs...”

Den 59-jährigen Bruder Matthäus Werner kennt in Düsseldorf jedes Kind: Er ist Schirmherr von „fiftyfifty” und gehört der „Ordensgemeinschaft der Armen-Brüder des heiligen Franziskus” an, die Ende des vorletzten Jahrhunderts in Aachen gegründet wurde und heute unter anderem Projektpartner der Straßenzeitung ist.

Was der Franziskaner da vorträgt, wird hierzulande von Harry-Potter-Fans mit wildem Herzklopfen erwartet. Es ist der Anfang der deutschen Übersetzung des fünften Bandes „Harry Potter und der Orden des Phönix”.

Das Buch erscheint zwar erst in zwei Wochen, aber Bestsellerautorin Joanne K. Rowling, Illustratorin Sabine Wilharm und der Hamburger Carlsen Verlag, die sich für Obdachlose engagieren, entschlossen sich zu einer noblen Geste: Sie schenkten einer Reihe von deutschen Straßenmagazinen, die von Menschen ohne festen Wohnsitz gegen Umsatzbeteiligung verkauft werden, das Vorabdruckrecht für das erste Kapitel.

Fünf dieser Magazine, die dem „Bundesverband sozi- aler Straßenzeitungen e.V.” angehören, sind in NRW ansässig, ihre Ausgaben in 13 Städten erhältlich.

Während „fiftyfifty”-Redakteur Hu- bert Ostendorf (43) bedauert, dass für die „Harry-Potter-Nacht” weit und breit keine Fackeln aufzutreiben waren - „Sommerware!” -, erhofft sich der 37-jährige Jürgen Weber vom Zauberlehrling gute Geschäfte: „Die Werbung dafür war jedenfalls ausreichend”. Rund 200 Schülerinnen und Schüler haben per E-Mail vorbestellt.

Auflagen der Zeitungen deutlich erhöht

In Düsseldorf sind Freitagnacht 62 Magazin-Verkäufer auf den Beinen, zwei sind trotz der Temperaturen und des späten Zeitpunkts aus Mönchengladbach angereist. Normalerweise liegt die „fiftyfifty”-Gesamtauflage für fünf Städte im Ruhrgebiet bei 29.000, diesmal wurde sie um 30 Prozent auf 38.000 erhöht.

Auch im westfälischen Münster ist es kurz nach Mitternacht, als das bibbernde Team vom Straßenmagazin „Draußen” im belebten Hafenviertel die ersten Zeitungen ausgibt.

Zwischen 20 und 30 Verkäufer, schätzt Redakteurin Elke Lange (34), sind unterwegs, um die von 4000 auf 10.000 Exemplare aufgestockten Zeitungen an die Hogwarts-Enthusiasten zu bringen.

Zur Geisterstunde ist auch in Bochum und Dortmund Frieren für die gute Sache angesagt: „bodo” heißt das Magazin, das vor den Filialen der Mayerschen Buchhandlung im Westenhellweg und an der Kortumstraße das spannende Geheimnis des ersten Kapitels lüftet.

Die 15 „bodo”-Verkäufer werden in dieser Nacht bereits 450 von insgesamt 20.000 Magazinen (Auflage verdoppelt) los werden, eines der ersten ergattert ein kleiner Junge im Zaubererkostüm, der kaum erwarten kann, wie es mit seinem Helden weitergeht.

Während die eisigen Zeiger der Uhren in Düsseldorf, Dortmund, Bochum und Münster langsam auf halb eins vorrücken, wälzen sich Potterianer in Wuppertal, Solingen, Remscheid, Duisburg, Essen, Krefeld und Unna unruhig in ihren Betten.

Sie müssen sich noch bis Samstagmorgen gedulden, bis sie im Bergischen über „Die Straße” (10000 Stück mit Option auf Nachdruck) oder im Ruhrgebiet bei „fiftyfifty” auf ihre Kosten kommen.

Noch härter trifft es die Kölner: 3500 Exemplare von „Bank Extra” mit dem magischen Vorab-Kapitel sind in der Domstadt erst Montag Morgen erhältlich.