1. Kultur

Leipzig: Flucht und Orgasmusprobleme: Aly und Langhans fechten Gefecht der 68er aus

Leipzig : Flucht und Orgasmusprobleme: Aly und Langhans fechten Gefecht der 68er aus

Der eine spricht von Freiheit, der andere von Schlamperei. Der eine vom neuen Denken, der andere von einem Irrweg. Der eine fordert alle Menschen auf, seinem Weg zu folgen und den Geist zu erhöhen. Der andere hebt den Zeigefinger, als wolle er sagen: Lasst die Finger davon. Rainer Langhans, Ex-Kommunarde, Hahn im Haremskorb, und Götz Aly, Historiker und Anstößer aktueller Debatten über die NS-Vergangenheit, haben wenig gemeinsam. Außer eins: Sie sind beide das, was man heute Alt-68er nennt.

Und damit erschöpfen sich ihre Gemeinsamkeiten, zwischen ihren Ansichten liegen keine Welten, sondern Galaxien.

Während es dem esoterischen Lebemann Langhans sichtbar Freude macht, am Freitag auf der Leipziger Buchmesse einmal mehr seine Orgasmusprobleme vor Publikum so auszubreiten, dass es ZDF-Kulturmoderatorin Luzia Braun die Schamesröte ins Gesicht treibt, verkörpert der Historiker Aly den libertären, gebildeten und fleißigen Freigeist, der glaubt, das Wesen der 68er endlich entdeckt zu haben und dies auch den Nachgeborenen mitteilen will.

„Unser Kampf. 1968 - ein irritierter Blick zurück” hat Aly seine Rückschau genannt. Langhans dichtet schlicht „Ich bins. Die ersten 68 Jahre.” Die Reaktion der Gäste auf der Buchmesse ist, je nach Autor, unterschiedlich. Beim Bestsellerautor und NS-Experten Aly recken sich Köpfe nach vorne, als wolle man keinen Halbsatz des gescheiten Mannes verpassen.

Kritische Zwischenrufe kanzelt Aly ab mit „typisch 68, immer dazwischenreden”. Bei Langhans hingegen dominiert das Kopfschütteln, nicht nur, wenn er den Frauen zuruft, sie und nicht die Männer seien die wahren Tiere. Dafür aber ist der Unterhaltungswert des 67-Jährigen um einiges höher. Das Wort „Orgasmus” hat auch heute, 40 Jahre nach 1968, nichts von seiner Schockwirkung verloren, wenn man es auf einem Podium in ein Mikro spricht.

Und Langhans tut das sehr gern. Während sich Aly mit seiner Theorie abmüht, 1968 sei letztlich nichts anderes gewesen als die Fortsetzung deutscher Gewalttradition mit anderen Mitteln, und die APO ein ziemlich unordentlicher Haufen, in deren Archiv man auch heute nichts finde, bleibt Langhans beim Menschlichen.

Auf die Frage Brauns, ob er im Leben wirklich erst einen richtigen Orgasmus gehabt habe wie im Buch beschrieben, sagt er: „Ich glaube ja.” Aber mit Sex, nein, mit Sex habe das alles nichts zu tun, da seien er und seine Kommune 1 schon vor 40 Jahren falsch verstanden worden. Er sagt es so, als habe er damals schlicht nicht Nein sagen können, als Journalisten ihn fragten, ob sie vom „Rudelbumsen” in der Kommune schreiben dürften. Durften sie, ihm, Langhans, ging es und geht es um Geist, um das wahre Leben, um Erkenntnis.

Um Erkenntnis geht es Aly auch, um seine Erkenntnis, dass niemand von damals heute auf 1968 stolz zu sein brauche. Es sei die große Lebenslüge der 68er, sie hätten zur Aufarbeitung der NS-Zeit beigetragen. „In Wahrheit haben sie sie verzögert”, sagt Aly. Die Bundesrepublik sei damals bereits auf dem Weg der Reform und Aufarbeitung gewesen, das habe er in Dokumenten der Bundesregierung, die auch viel besser geordnet seien als das APO-Archiv, herausgefunden.

Verständnis hat er denn aber doch noch für die Flucht seiner Generation in andere Welten. Die Verbrechen der Väter seien von solcher Dimension gewesen, dass eine normale Auseinandersetzung gar nicht möglich gewesen sei, sagt Aly. Doch während er die Flucht als „Entgleisung” betrachtet, spricht Langhans vom Versuch der Erlösung: Die Kommune 1 sei so etwas wie eine offene Anstalt gewesen, in der die Kinder der Massenmörder „interessiert versucht haben, uns zu therapieren”.