Aachen: „Flashes of the Future“: Herrlich-freche Werke der 60er im Ludwig Forum

Aachen : „Flashes of the Future“: Herrlich-freche Werke der 60er im Ludwig Forum

Ja, solche Momente gab es damals in den 60er Jahren. „Wir hatten wirklich so etwas wie ‚Flashes of the Future‘ vor Augen, sagt Jean-Jaques Lebel, der große französische Happening-Künstler, im Interview mit den Aachener Ausstellungsmachern. Gemeint ist das kollektive Aufblitzen der Möglichkeit von Zukunft, das damals nicht nur den heute 81-Jährigen, sondern eine ganze Generation bewegt hat.

Es war der Traum von einer Welt ohne Konventionen und Kriege.

Provokationen in Aachen: das Wandbild „Maggio 1968“ von Renato Guttuso, die begehbare Installation „Das Recht mit den Füssen Treten“ von Peter Weibel oder das Werk „Sauber“ von Hans-Peter Alvermann (von links oben im Uhrzeigersinn). Foto: VG Bildkunst, Andreas Steindl, dpa

Dass diese „Flashes of the Future“ nun also den Titel für die weit und breit einzige 68er-Kunstaustellung abgeben, ist mehr als folgerichtig. Denn es war eben doch mehr als ein Aufblitzen, es war eine Ära, die wie wenige einen Nachhall in der Gesellschaft hinterlassen hat. Und jetzt, 50 Jahre später, feiern die Alten und die Jungen weltweit das Jahr 1968, und das Aachener Ludwig Forum lädt ein zu dieser mindestens deutschlandweit einzigen Schau mit dem bedeutungsschweren Untertitel: „Die Kunst der 68er oder die Macht der Ohnmächtigen“. Oder wie Joseph Beuys es 1972 formulierte: „Die Revolution, das sind wir!“ Natürlich ist das legendäre lebensgroße Foto in Sepiatönen des Düsseldorfer Akademieprofessors mit diesem Titel auch in Aachen zu sehen.

01 Renato Guttuso, Maggio 1968 - Giornale Murale [Mai 1968 - Wandzeitung], 1968, Öl auf Karton und Leinwand, 280 x 480 cm, Ludwig Forum für Internationale Kunst, Aachen, © VG Bildkunst, Bonn 2017,. Foto: Andreas Steindl, Carl Brunn.

Alle sind versammelt

Überhaupt sind sie (fast) alle in Aachen versammelt, die Protestkünstler der jungen Bundesrepublik und teilweise auch der Welt, die in der Folge von 1968 internationale Berühmtheit und hohe Kunstpreise erlangten: Günther Uecker mit seiner Installation „Barrikade“ von 1968 — ein beeindruckender Stapel von riesigen Nägeln und kleinen Säcken; weiter wären zu nennen: Georg Baselitz, Sigmar Polke, Wolf Vostell, Edward Kienholz mit einem noch nie in Deutschland gezeigten Bild, A.R. Penck mit seinem „Weltbild“ von 1961, Hans-Peter Alvermann mit einem provokanten Gebilde namens „Sauber“ aus dem Jahr 1968 und der ebenfalls höchst provokanten Installation „Warten auf Nürnberg II“, die sich frech mit dem Reinwaschen vom Nationalsozialismus beschäftigen; oder Anselm Kiefers Fotos mit dem Hitlergruß an verschiedenen Besatzungsorten der deutschen Wehrmacht — ebenfalls so noch nie gezeigt.

Die Provokation, die Auseinandersetzung mit der Täter-/Vätergeneration, mit den Machtstrukturen — all das macht diese Kunst aus und wirkt bis heute nach. Gerade deshalb ist es richtig und wichtig, all dies heute — 50 Jahre — später noch einmal zu zeigen und zu sehen. Denn wie Andreas Beitin, der Direktor des Ludwig Forums, beim Presserundgang am Dienstag sagte: „Alle Themen, für die junge Leute damals auf die Straße gingen, sind auch heute noch virulent.“ Bewusst habe man keine Flower-Power-Ausstellung konzipieren wollen, sondern „unsere These lautet: Die Künstler waren die Wegbereiter für 1968“, sagt Beitin, der bereits vor drei Jahren die Idee zu dieser Ausstellung hatte und selbst ein Kind von 1968 ist — er wurde in diesem Jahr geboren.

„Wir wollen gerade auch für junge Leute von heute die Geschichten der Vergangenheit lebendig werden lassen“, sagt Eckhart J. Gillen, der die Ausstellung zusammen mit Beitin kuratiert hat. Dieses Vorhaben sollte gelingen, denn die durchweg politische Kunst der 60er Jahre ist frech, witzig, grenzüberschreitend, ein Bruch mit allen Konventionen ihrer Zeit — und wirkt deshalb ungebrochen aktuell. „Es war das innovativste Jahrzent in der Kunst überhaupt“, sagen Beitin und Gillen unisono.

Schön, dass das Ludwig Forum jetzt gerammelt voll ist mit diesen Kunstwerken — 280 Objekte werden gezeigt: vierfünftel Leihgaben, ein Fünftel aus dem Bestand beziehungsweise der Sammlung Peter und Irene Ludwig. Die beiden hatten in den 60er Jahren ja überhaupt damit angefangen, die Kunst der eigenen Generation in den Fokus zu nehmen. Welche Rolle ihrer Heimatstadt Aachen dabei zukam, machte Brigitte Franzen von der Peter und Irene Ludwig Stiftung deutlich: „Die Gründung der Neuen Galerie 1970 war ein Meilenstein. Noch nie zuvor hatte es in Deutschland so ein experimentelles Museum für Gegenwartskunst gegeben.

Und noch etwas ist einzigartig bei dieser Ausstellung: Der Katalog ist 600 Seiten stark, kostet aber nur sieben Euro. Ein Begleitbuch, das von der Bundeszentrale für Politische Bildung herausgegeben wurde und einen Fundus an Informationen und Bildern über die Kunst der 68er bereithält. Der Katalog ist preiswerter als die Eintrittskarten? „Hat es das jemals gegeben?“, fragte Beitin mit einem zufriedenen Schmunzeln. Wohl kaum!

Zwei Ausstellungen, ein Katalog und ein Theaterstück von Peter Handke

Die Ausstellung „Flashes of the Future. Die Kunst der 68er oder Die Macht der Ohnmächtigen“ findet im Ludwig Forum für Internationale Kunst Aachen, Jülicher Straße, vom 20. April bis 19. August statt.

Eröffnung ist am Donnerstag, 19. April, 19 Uhr, u.a. mit Isabel Pfeiffer-Poensgen, NRW-Ministerin für Kultur und Wissenschaft.

Am Freitag, 20. April, 15 Uhr und Samstag, 21. April, 13 u. 15 Uhr, führt der deutsche Performancephilosoph Bazon Brock durch die Ausstellung (Anmeldung Telefon 0214/1807115).

Im Juni führt das Aachener Theater K in Kooperation mit dem Ludwig Forum das Stück „Kaspar“ (1968) des damals 24-jährigen Peter Handke auf. Termine: 2.6., 9.6., 16.6., 17.6., 23.6., 24.6., 30.6. (Karten beim Kundenservice des Medienhauses Aachen).

Zur Ausstellung ist in Zusammenarbeit mit der Bundeszentrale für politische Bildung ein umfangreicher Katalog (592 S., 7 Euro) erschienen.

Parallel läuft die Ausstellung „Flashes of the Past. Medienwandel und Protestkultur“ im Internationalen Zeitungsmuseum Aachen (IZM).

Infos im Internet:

www.ludwigforum.de

www.izm.de

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