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Aachen: Fiebrige Dramatik und wehmütiger Blick hinter die schöne Fassade

Aachen : Fiebrige Dramatik und wehmütiger Blick hinter die schöne Fassade

Liebe und Eifersucht, Gewalt und Mord, Politik und Kunst - das sind die Hauptthemen, die Giacomo Puccini in seiner 1900 in Rom uraufgeführten „Tosca” in leidenschaftliche Musik umgesetzt hat.

Mit diesem Opernthriller gab das Theater Aachen den viel versprechenden Startschuss in die neue Spielzeit.

Im voll besetzten Großen Haus erfüllte das bestens präparierte Sinfonieorchester unter Leitung von Generalmusikdirektor Marcus R. Bosch die nach der letzten Saison hoch gestellten Erwartungen.

Die Inszenierung im Bühnenbild von Hartmut Schörghofer betreute in ausgefeilter und konsequent umgesetzter Sichtweise Schauspieldirektor Michael Helle.

Das Bekenntnis „Vissi darte - Ich lebte für die Kunst” ist der Kernpunkt von Michael Helles Regiearbeit. Tosca ist die Inkarnation einer Operndiva, die ohne Unterbrechung auf der Bühne steht und sich selbst in Szene setzt - Maria Callas lässt grüßen.

Um am Schluss zu sterben, braucht Tosca nicht von der Engelsburg zu springen: Es genügt, dass sie ihre typischen Accessoires ablegt.

Cavaradossi, ebenfalls Künstler wie Tosca, ist da schon eher aufgewacht als seine Geliebte. Wenn sich die beiden nach dem Mord an Scarpia im Niemandsland der bis auf wenige erinnernde Requisiten abgebauten Bühne treffen, spielt er nur Tosca zuliebe das Stück, ihr Stück, bis zum tödlichen Ende.

Der Regieansatz erklärt sich erst im 3. Akt in seiner Logik. Das ist nicht ganz ungefährlich, denn es wird durch Toscas ständig perfektes Rollenspiel speziell im 2. Akt gegen die fiebrige Dramatik der Musik gearbeitet.

Lisa Graf entspricht eindeutig Helles Sichtweise der Tosca. Die lyrisch verspielten Eifersüchteleien im pastellfarbigen Freskenraum becircen verführerisch Mario und das Publikum.

Das traurig und leise intonierte „Vissi darte” bildet den unumstrittenen Höhepunkt ihrer Interpretation, doch in der furiosen Attacke und der verzweifelten Demütigung fehlen ihr noch ergänzende dramatische Ausdrucksmittel.

Hector Sandoval als Mario Cavaradossi ist ein „Bilderbuch-Italiener”, der das Spiel mit der Gefahr unterschätzt.

Sein Tenor ist in der Höhe messerscharf und ungefährdet. Die „Vittoria”-Rufe, die er dem Polizeichef Scarpia entgegen schleudert, haben es in sich! Da die Partie des Cavaradossi nur wenige zwingende Mezza-voce-Passagen enthält, fällt sein abgleitender Fokus in diesem Bereich nur gering auf.

Kaum eine Partie in der Opernliteratur ist so böse, widerlich und faszinierend zugleich konzipiert wie Scarpia.

In Aachen heißt er Lionel Lhote und macht wunschlos glücklich. Abgesehen von seiner schauspielerischen Intensität besitzt sein Charakterbariton eine gezielt einsetzbare Palette an Farbschattierungen.

Das ruhige Piano, in dem er das getragene „Va, Tosca!” beginnt, um beim Einsatz des wuchtig auftrumpfenden Chores mühelos das „Te Deum” zu überstrahlen, sei nur als ein Beispiel seiner umwerfenden Gesamtleistung genannt.

In den kleineren Partien sind die rhythmische Disziplin und die gute italienische Aussprache auffällig. Jaroslaw Sielicki singt schlank und düster den entflohenen Angelotti.

Johannes Piorek und Manfred Reiner als Messner und Schließer verrichten zuverlässig ihre Jobs. Die Handlanger Scarpias, Spoletta und Sciarrone, haben in Andreas Joost und Richard Meijer souveräne Rollenvertreter, die zudem noch die sportliche Aufgabe meistern müssen, regelmäßig über den großen Aktenberg in Scarpias Büro klettern zu müssen, ein Regieeinfall, der eher belustigt als überzeugt.

Die schwierige Akustik des Theaters ist bekannt. Doch statt zu lamentieren, wird mit wacher Qualität geantwortet.

Marcus R. Bosch fächert erzählend und leitmotivisch erinnernd die Partitur auf und betont dadurch das Charakteristikum des Verismo: den wehmütigen Blick hinter die schöne Fassade, die schonungslos zwingende Akzeptanz der Wirklichkeit.

Gleichzeitig animiert er das Orchester zu großen Klangbildern, die weder die Sänger zudecken, noch auf farbenprächtiges Blühen und sinfonische Größe verzichten.

Die Spielzeiteröffnung mit Puccinis „Tosca” fand große Zustimmung beim Publikum. Ein buhloser, mit Bravos angereicherter Applaus feierte alle am Gelingen des Abends beteiligten Künstler.