Aachen: Fesselnder Schlagabtausch: „Das Interview“ im Grenzlandtheater

Aachen: Fesselnder Schlagabtausch: „Das Interview“ im Grenzlandtheater

Übel gelaunt ist der Politredakteur Pierre schon unten am Haus, in dem der beliebte Soap-Star Katja wohnt. Wegen dieses „Sternchens“ kann er nicht an der wichtigen Krisensitzung des niederländischen Kabinetts teilnehmen.

Ganz real geht es um den Rücktritt der Regierung wegen der politischen Mitverantwortung für die Massaker in Bosnien im Juli 1995. Jetzt schreibt man das Jahr 2002, und der ehrgeizige Redakteur lässt seinen Frust nur zu gerne an dem schnippischen „Busentier“ aus.

„Ein gutes Interview ist seinem Wesen nach ein Gefecht“, sagte Theo van Gogh einmal, der umstrittene niederländische Autor und Filmemacher, der 2004 von einem religiösen Fanatiker in Amsterdam ermordet wurde. Theodor Holman schrieb viele Drehbücher für seinen Freund Theo und adaptierte „Das Interview“ für die Bühne. In knapp 90 Minuten steigert sich die Begegnung zwischen zwei Menschen, die sich letztlich sehr ähnlich sind, zu einem Kampf, in dem es keine Gewinner geben kann.

Frech und vergnügt duzt die junge Frau zunächst den 20 Jahre älteren Mann, der sie mit seinem steifen „Sie“ ärgern will. Unbedarft und übergriffig gibt sich das mädchenhafte Geschöpf, und Pierre will das Interview schon platzen lassen. In der schicken Designerwohnung (Bühne und Kostüme: Bernhard Siegl) deutet der große Plasmabildschirm an, welche Träume und Alpträume beide Menschen verbinden.

Als Pierre erkennt, dass er keineswegs ein vollbusiges Dummchen vor sich hat, ändert sich vieles. Es entspinnt sich ein Dialog, Verwundungen und traumatische Erfahrungen auf beiden Seiten werden sichtbar. Nach reichlichem Weingenuss kommt auch erotische Nähe auf, doch der Zweikampf ist beiden gemäßer.

Regisseur Philip Stemann hat den faszinierenden Stoff sehr dicht, realistisch und doch feinfühlig umgesetzt. Berührend und lebensecht verkörpert Maria Prüstel das begehrte, aber auch „kaputte“ Starlet, das es satt hat, allen alles recht machen zu müssen. Thorsten Loeb überzeugt als Verlorener, den der Verlust seiner Tochter und Kriegserlebnisse zum Gefühlskrüppel gemacht haben. Der Austausch von Geheimnissen kann beiderseits nur schiefgehen — sogar am Ende eröffnen sich noch grausame Wahrheiten, die regelrecht schockieren. Verdienter Applaus.

Mehr von Aachener Nachrichten