1. Kultur

Düsseldorf: Feinstaub: RWE im Erklärungsnotstand

Düsseldorf : Feinstaub: RWE im Erklärungsnotstand

Der Tagebaubetreiber war um keine Antwort verlegen. Als im Oktober erstmals erhöhte Feinstaubkonzentrationen im rheinischen Braunkohlenrevier gemessen wurden, machte der Sprecher von RWE Power, Guido Steffen, alleine die trockene Witterung für die Ausreißer verantwortlich.

Der historische Hochsommer sei schuld. Schließlich ortete Steffen eine Staubwolke, die im Oktober von Paris nach Moskau gezogen sei. Nunmehr sollte diese Wolke Ursache für das deutliche Überschreiten der zulässigen Tagesmittelwerte bei den Feinstaubemissionen im Hambacher Braunkohlenrevier sein. „Es ist unredlich, diese erhöhten Messwerte dem Tagebau zuzuschreiben”, empörte sich RWE-Sprecher Steffen. Entsprechende Alarmmeldungen des Bundes für Umwelt und Naturschutz (BUND) seien „unseriös, unredlich und unverantwortlich”.

Inzwischen befindet sich der Tagebaubetreiber, der den traditionsreichen Firmennamen Rheinbraun zwischenzeitlich aufgegeben und sich das dynamische Unternehmenslabel RWE Power zugelegt hat, in akutem Erklärungsnotstand. Seit dem 15. November dieses Jahres, die trockene Jahreszeit ist längst vorüber, hat das Landesumweltamt bei den Feinstaubmessungen in Niederzier (bei Jülich) gleich acht Mal deutliche Überschreitungen des zulässigen Tagesmittelwertes von 50/60 Mikrogramm pro Kubikmeter festgestellt.

Bis zu 88 Mikrogramm Feinstaub, kurz PM 10 genannt, wurden bei der Station in Niederzier als Tagesmittelwert gemessen. Dies liegt um etwa zwei Drittel über den durchschnittlichen Feinstaubkonzentrationen im westfälischen Borken, einer weiteren Messstation des Landesumweltamtes.

BUND ist zufrieden

Unterdessen hat die im NRW-Umweltministerium zuständige Staatssekretärin Christiane Friedrichs der Führung des BUND und Vertretern der Bürgergemeinschaft Niederzier am Mittwochabend in einem Gespräch zugesichert, die bislang zeitlich befristeten Feinstaub-Messungen im Hambacher Tagebaugebiet zu verlängern und dort eine weitere Messstation einzurichten.

BUND-Geschäftsführer Dirk Janssen zeigte sich zufrieden, dass die Feinstaub-Problematik vom Landesumweltministerium „sehr ernst genommen” werde. Die bisherigen Messergebnisse ließen vermuten, dass die Braunkohlentagebaue „die Ursache für eine erhebliche Zusatzbelastung durch gesundheitsschädliche Feinpartikel” seien.

Bereits im Jahre 2001 hatte Umweltministerin Bärbel Höhn (Grüne) eine der europaweit ersten Studien über die Gesundheitsgefährdung durch Feinstaub in Auftrag gegeben. Belastbare Ergebnisse sollen im kommenden Jahr vorliegen. Im Rahmen dieser Studie werden 4800 Frauen zwischen 59 und 77 Jahren im Ruhrgebiet darauf untersucht, welche Auswirkungen erhöhte Feinstaubkonzentrationen auf ihre Erkrankungen und Sterblichkeit haben. Eine zweite Studienreihe untersucht bei 2300 Kindern im Alter zwischen fünf und sieben Jahren Zusammenhänge zwischen Erkrankungen und möglichen Folgewirkungen erhöhter Feinstaubemissionen.

Konkreter Verdacht

Ende der 80er Jahre waren erstmals in Amerika Wissenschaftler bei Langzeituntersuchungen zu dem Ergebnis gekommen, dass „lungengängiger” Feinstaub zu schweren Atemwegserkrankungen, Herz- und Kreislaufbeschwerden, sowie Bronchitis und Heuschnupfen führen kann.

Martin Kraft, Biologe im Referat Umweltmedizin des Höhn-Ministeriums, hält die Basis der vorliegenden Messergebnisse in Niederzier für nicht ausreichend, um verlässliche Aussagen über die Feinstaubproblematik im Braunkohlenrevier zu treffen. „Das wäre einfach unseriös.” Andererseits begründeten die anhaltenden Überschreitungen bei den Feinstaubemissionen einen konkreten Verdacht: „Irgendetwas ist da wohl.”