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Köln: Fasziniert vom Zauber einer charmanten Zeit

Köln : Fasziniert vom Zauber einer charmanten Zeit

Der Chansonnier und Komponist Max Raabe reißt mit Originalarrangements der Schlager aus den 20er und 30er Jahren ausverkaufte Konzertsäle in halb Europa und neuerdings auch Amerika zu Jubelstürmen hin.

Als Begründer und Leiter des Palastorchesters ist er seit Jahren renommiert und verbindet mit seinem nasalen Stimmorgan Generationen von Musikliebhabern mit Charme, der Kleiderordnung und der Requisiten jener Epoche.

Zum ersten Mal ist er nun mit einer selbst konzipierten und aufwändig ausgestatteten Palastrevue auf Tournee. Vom 12. bis 31. August sind Max Raabe und das Palastorchester in der Oper Köln zu erleben.

Nach jahrelangem Erfolg in Konzertform wagen Sie nun den Schritt zur aufwendigen Revue. Wozu dient der optische Rahmen?

Raabe: Von einer Palastrevue im Originalformat der 20er Jahre träume ich schon längere Zeit. Endlich kam der Plan nun zur Verwirklichung. Es war uns wichtig die Bühnenbilder, Kostüme und dramaturgische Mittel damaliger Revuen getreu jener Verhältnisse zu übernehmen. Bis ins kleinste Detail der Requisiten wollen wir die große Zeit dieser Unterhaltungsform wiederbeleben.

Was motivierte Sie zum Beginn Ihrer Karriere gerade Chansons der 20er und 30er Jahre zu interpretieren?

Raabe: Für mich hat diese Zeit einen unglaublichen Reiz, eine Leichtfüßigkeit und eine Stärke in der Melodiösität. Der konnte ich mich nicht entziehen. Als wir das Ensemble gegründet haben, ging es dem Orchester und mir darum, möglichst präzise zu spielen, so wie es damals üblich war. Man hat 1928 anders gespielt als 1935, jede Zeit hat ihre ganz spezifischen Stilistiken entwickelt.Dadurch entsteht die Stärke der Stücke und teilweise diese sterile Komik.

Sie bekennen sich im Gegensatz zu vielen Kollegen zur absoluten Werktreue. Liegt darin eine Gefahr eine bloße Imitation abzuliefern?

Raabe: Natürlich handelt es sich um die historische Aufführungspraxis. Gleichzeitig geht es uns darum ein heutiges Publikum zu unterhalten. Ich halte die Arrangements, aus der Entstehungszeit der Lieder für nicht zu übertreffen und bin von ihrer Intensität überzeugt.

Ironischerweise transkribieren Sie aktuelle Hits von Britney Spears und Tom Jones in die Melodik der 30er Jahre. Ist es daher nicht ebenso berechtigt damalige Stücke zu modernisieren?

Raabe: Ich halte es für andienend, wenn man versucht Stücke aufzupeppen, „Mein kleiner grüner Kaktus” mit einem Beat zu unterlegen, der zeitgenössisch ist. Das erschlägt jedes Lied.

Es gibt sensiblere, zarte Stücke, die aufgemöbelt werden, um irgendwelchen Leuten zu gefallen. Das finde ich schade, zu einseitig. Die alten Arrangements haben ihre Stärke in ihrer Zurückhaltung und die modernen Rhythmen haben davon nichts in sich.

Könnten Sie sich neben dem Gesang zum Orchester auch A-cappella-Versionen vorstellen?

Raabe. Auf jeden Fall haben sich unsere Musik so entwickelt, das es Sinn macht. Die Art, die wir für sie gefunden haben ist die beste für die Stücke. Eine Modernisierung haben sie nicht verdient und nicht nötig. Umgekehrt kann man Lieder, die sich anschicken fetzig zu sein auch etwas bügeln und unserem Stil anpassen.

Sie haben ein westfälisches Klosterinternat besucht und ihre Gesangsleidenschaft bereits im Schulchor entwickelt. Gab es ein Schlüsselerlebnis für den Entschluss beruflich Musik zu machen?

Raabe: Vor meiner Schulzeit war ich ja bereits Messdiener, es wurde immer gesungen, es gab den Kinderchor. Für mich war das Singen damals schon das Natürlichste auf der Welt, eine Alltagsbeschäftigung.

Irgendwann kam der Moment auf die Bühne zu gehen. Damals war die Oper das Ziel, das fand ich total dramatisch: Man fuchtelt mit Schwertern auf der Bühne, brüllt dicke Frauen an und im Graben sitzt ein ganzes Orchester und macht Filmmusik, für mich das Nonplusultra.

Wann haben Sie sich entschieden statt des Opernfachs dem konzertanten Programm nachzugehen?

Raabe: Das Palastorchester haben wir während des Studiums gegründet und uns damit dasselbe finanziert. Für uns stand fest nach dem Abschluss damit aufzuhören und in ein Symphonieorchester oder an die Oper zu wechseln.

Das war klar, somit waren wir nie verbissen auf eine großartige Karriere sondern froh, dass wir vor Publikum spielen konnten.

Heute dürfen wir in so klangvollen Sälen wie in Philharmonien und edlen Opernhäusern mit klangvollem Renommee auftreten.

Ist das nicht wunderbar? Zu Studienzeiten hätten wir nicht im Traum daran gedacht.