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Köln: Faszinierende Sichtweisen und aufregende Geschichten

Köln : Faszinierende Sichtweisen und aufregende Geschichten

Was hat eine Qualle mit Kunst zu tun? Warum wirbt ein Museum, bei dem man normalerweise an Picasso oder Pop Art denkt, für seine neue Schau mit einem Plakat, das so aussieht, als gäbe es demnächst im Aquarium des Kölner Zoos eine Sonderausstellung über Meerestiere?

Und: Haben Medusen - Deutsch: Quallen - überhaupt einen eigenen Willen?

Antwort auf all diese Fragen gibt „What does the jellyfish want?” (Was will die Qualle?) Hinter diesem etwas exzentrisch klingenden Zitat verbirgt sich eine Ausstellung, die es in sich hat. Ab Samstag widmet sich das Museum Ludwig in Köln mit einer großen Schau der Fotografie und ihrer Geschichte.

„Bis in die frühen 70er Jahre wurde die zeitgenössische Fotokunst als vermeintlicher Randbereich der bildenden Kunst vernachlässigt. Unser Anliegen ist es, die zeitgenössische Fotografie als gleichberechtigten Beitrag der Gegenwartskunst zu zeigen”, sagt Kasper König, der Direktor des Museums.

Ihren Namen verdankt die Ausstellung dem 1956 in Los Angeles geborenen Fotokünstler Christopher Williams. Der in einem Interview seine Faszination für die Qualle - im Englischen „jellyfish”, „Geleefisch” - ausdrückte. Sie sei, so Williams, ein Lebewesen ohne Geschlecht, ohne Skelett, ohne eigene Form, also „ein Tier ohne Eigenschaften”. Den Machern der Ausstellung, allen voran Kuratorin Barbara Engelbach, dient der Meeresbewohner als Metapher: „Heutzutage erscheint die Fotografie als Medium ohne Eigenschaften. Und nimmt sie Eigenschaften an, sind es die, die der jeweilige Künstler ihr gibt”.

Die Schau präsentiert Arbeiten von mehr als 55 Künstlern. Von Man Ray (1890-1976) bis hin zum Iren James Coleman (geboren 1941), dessen Dia-Performance Jugendliche in satten Farben zeigt, die dem alten chinesischen Märchen „Der Kreidekreis” eine neuzeitliche Deutung geben. „Wir wollen ansehen, neu ordnen und auch zeigen, was für unglaubliche Schätze wir im Haus haben”, sagt Engelbach.

2006 erwarb das Museum die Sammlung Agfa Foto-Historama und ist dadurch in der Lage, die Entwicklung der Fotografie von ihren Anfängen bis in die Gegenwart darstellen zu können. „Die Komplexität dieser Ausstellung ist groß”, kommentiert König. Eine wunderbare Untertreibung.

Was, zumindest im Grundsatz chronologisch angelegt ist, setzt frühere Positionen der Fotokunst in Bezug zu aktuellen Werken. „What does the jellyfish want?” ist Rückblick und Bestandsaufnahme zugleich.

Den Auftakt markieren drei Aufnahmen von Walker, die, stellvertretend, die drei Hauptthemen der Fotografie zeigen: Stillleben, Porträt und Landschaft. Ab da wird es furios. Schwarzweiß-Fotos von Man Ray, die heute längst Klassiker sind (wie die um 1930 entstandene Großaufnahme „Lippen an Lippen” oder der 1924 aufgenommenen Rücken-Akt seiner Geliebten Alice Prin, genannt Kiki de Montparnasse, den zwei Violinschlüssel zieren), kontrastieren mit den schockierend farbig-naturalistischen Kompositionen einer Cindy Sherman (geboren 1954 in Glen Ridge, USA), die perfekt inszeniert, Bildnisse aus nicht vorhandenen Filmen vorgaukeln.

Abzüge Alexander Rodtschenkos (1891-1956) offenbaren, dass der russische Konstruktivist eigentlich von Hause aus Grafiker war. Die Licht-Fotogramme eines László Moholy-Nagy (1895-1946) fehlen ebenso wenig, wie die berühmten Bauernbildnisse eines August Sander (1876-1964).

Sie sind alle da. Die monumental vergrößerten Cibachrome-Diapositive eines Jeff Wall. Die Fachwerkhäuser und Gasbehälter des Siegener Ehepaars Bernd und Hilla Becher. Die Straßen ihres Schülers Thomas Struth. Die Städte von Joachim Brohm und die Schaufenster von Eugène Atget (1857-1927). William Egglestons amerikanische (Alp)-träume, André Kertész (1894-1985) surreale Foto-Reportagen und Bruce Naumanns grotesk verformte Selbstporträts.

All diese Bilder zeigen neue, aufregende Perspektiven auf. Sie erzählen - schön, schockierend oder schnell - Geschichten.