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Aachen: Fast wie ein Weihefest der hohen Kunst: Laurie Anderson in Aachen

Aachen : Fast wie ein Weihefest der hohen Kunst: Laurie Anderson in Aachen

Über die Entstehung der Erde hat Laurie Anderson so ihre ganz eigenen Ansichten. Am Anfang sei nur Luft gewesen, nichts als Luft, und darin flögen Milliarden von Vögel.

Da es kein Land und keine Erde gegeben habe, in der man die Toten hätte bestatten können, wurden die Köpfe zu Begräbnisstätten - die Geburt des Gedächtnisses.

Eine seltsame Schöpfungsgeschichte, die die Amerikanerin bei ihrem „Konzert” erzählte, doch passte sie natürlich zum Aufführungsort: die Kirche St. Paul in Aachen. Doch von einem „Konzert” im klassischen Sinne konnte keine Rede sein, der Zusatz „Performance” gehört unbedingt hinzu.

„Stories from the Elevator” (Geschichten aus dem Fahrstuhl) war der Abend - Auftakt des städtischen Festivalprogramms „across the borders” im Rahmen der Euregionale 2008 - überschrieben. Er wurde zu einem Fest der hohen Kunst - teilweise fast weihevoll, so dass sich das Publikum im proppevollen Kirchenraum eindreiviertel Stunde lang und bis zum Schluss nicht regte, geschweige denn applaudierte.

Es war fast so, als würden sich die Menschen auf den harten Holzbänken der Kirche nicht trauen. Andächtig beobachteten sie die zierliche Person in der gerade geschnittenen Stehkragen-Samtjacke auf der schwarz ausgeschlagenen Bühne, die ihren Platz hinter dem Keyboard nur einmal kurz verließ, um in einem riesigen Sessel Platz zu nehmen.

Nicht sollte ablenken von den Geschichten der im Juni 1947 geborenenen Performance-Künstlerin, Musikerin und Autorin, auch nicht die dezente Lightshow auf dem Kirchengemäuer hinter der Bühne oder die sporadisch eingestreuten Rauchschwaden.

Viele der Texte, die sie bis auf eine Ausnahme in englischer Sprache vortrug, muteten bizarr an. Dass sie zum Beispiel nach einem Unfall in der Pädiatriestation des Krankenhauses landete und die Schreie sterbender Kinder mit anhören musste, schockierte.

Andere Episoden hingegen klangen eher leicht und autobiografisch: Ihre Arbeit in einem Fastfood-Restaurant in Manhattan, in dem sie für eine Deutsche gehalten wurde und schon nach kurzer Zeit perfekt die Rolle ausfüllte, die man dort von ihr erwartete: „Ich war sehr gut darin, die Kunden davon zu überzeugen, immer mehr zu bestellen.”

Es fiel oft schwer zu unterscheiden, welcher Teil ihrer Storys nun erfunden, welcher autobiografisch war. Sie trampte im heißen Sommer des Jahres 1974 Richtung Norden, nach Kanada, aber kam sie wirklich bis zum Nordpol? Rick Takvorian, Kulturmanager der Stadt Aachen, hatte sie als „einzigartige Geschichtenerzählerin” angekündigt, die den Ort, die Kirche St. Paul, „schön spielen wird”.

Die anwesende Geistlichkeit wird dies schon richtig verstanden haben. Das Publikum war überwiegend hellauf begeistert, aber auch zum Teil enttäuscht darüber, dass der musikalische Part so dürftig ausfiel. Anderson untermalte ihre Erzählungen lediglich durch zweieinhalb Akkorde, die sie auf ihrem Keyboard produzierte. Drei, vier Stücke waren als klassische Songs zu erkennen, eines davon das grandiose „Only an expert”, anderen meist Instrumentalstücke, gespielt auf ihrer elektronischen Violine - das war´s.

„Oh Superman” fehlte, ihr einziger „Hit” aus dem Jahr 1981, der zwar bis auf Platz zwei in den britischen Charts landete, jedoch weit davon entfernt ist, als kommerziell durchgeplantes Massenprodukt zu gelten.

Sie ist sich eben immer treu geblieben. Und die Briten hatten sich damals den Ruf erobert, für das Besondere, die Avantgarde besonders aufgeschlossen zu sein. Schon damals hat sie elektronische Stimmenveränderer, Vocoder, eingesetzt. Und auch in St. Paul ertönte Laurie Anderson plötzlich durch die Lautsprecher mit einer tiefen Männerstimme.

Zwei Weltstars

A propos: Beim letzten Stück kletterte ein Mann zu Anderson auf die Bühne - ihr Mann. Lou Reed persönlich war mit nach Aachen gekommen, der Weltstar, die Independent- und Avantgarde-Legende. Beide leben seit 1995 zusammen und haben erst vor ein paar Wochen geheiratet. Der 66-jährige, erstaunlich schmächtige „Velvet-Underground”-Begründer - in Jeans, Sweatshirt und Sneakers - erklomm zum Schluss nicht ganz sicheren Schrittes die Bühne und begleitete - auf einem roten Schemel sitzend und dem Publikum nur halb zugewandt - seine Frau noch ein wenig auf der Gitarre.

Beim musikalischen Teil hat er nicht mehr viel retten können. Ein ungewöhnlicher, ein für die Stadt großer Abend war es trotzdem. Und zum Schluss gab es dann auch endlich Applaus - und stehende Ovationen.