Aachen: Fassbinders „Die bitteren Tränen der Petra von Kant“ in den Kammerspielen

Aachen : Fassbinders „Die bitteren Tränen der Petra von Kant“ in den Kammerspielen

Sie schreit, weint, suhlt sich in den Resten des zu Boden geworfenen Kuchens ebenso wie im Schmerz der Trennung. Wenn Petra von Kant (Elke Borkenstein) feststellt, dass die Anrufe, die auf immer wieder neuen Handys eingehen, nicht von ihrer Geliebten Karin kommen, schmettert sie die Telefone auf den Boden. Nach jedem neu eingeschenkten und hinuntergestürzten Gin fliegt ein Glas durch die Luft.

Regisseur Martin Schulze lässt seine Hauptdarstellerin in „Die bitteren Tränen der Petra von Kant“ in der Kammer des Theaters Aachen wie in der Vorlage von Rainer Werner Fassbinder die Bühne dominieren — zunächst taumelnd zwischen grenzenloser Verehrung für die junge Karin (Judith Florence Erhardt) und dem gleichzeitigen Wunsch, deren Leben bestimmen zu wollen, später in der Verzweiflung darüber, dass die Geliebte sie ausgenutzt und verlassen hat.

Im Gegenzug für ihre Liebe, kostenlose Unterbringung und die Verschaffung eines Jobs will von Kant von ihrer Muse ebenso allumfassend geliebt werden. Und ihr gutes Benehmen eintrichtern: „Das ist ein Gebot der Höflichkeit, Schätzchen, das wirst selbst Du noch eines Tages lernen“, säuselt sie Karin zu. Dann ruft sie ihre Bedienstete, als kommandiere sie einen Hund. In solchen Momenten, in denen sie die Kontrolle hat, herrisch und hochmütig ist, überzeugt Borkenstein als von Kant besonders.

Als Karin ihre Gönnerin später verlässt, verliert diese die Beherrschung, reißt die mit roten Samtvorhängen üppig gestaltete Kulisse ab. Trotz vollem Körpereinsatz wird die Verzweiflung darüber, die Liebe der jungen Frau nicht mehr zu besitzen — oder vielleicht nie besessen zu haben — für den Zuschauer nicht ganz spürbar. Von ihrer Chefin behandelt wie eine Sklavin, erträgt Sekretärin Marlene (Stefanie Rösner) deren Liebestollheit, Leid und barsche Befehle. Rösner lässt ihre Marlene beobachten, auf Anweisungen zunächst verharren und abwarten. Mit stechendem Blick gelingt es ihr so ohne ein einziges Wort, die Natur der Beziehungen der von Kant zu kommentieren: Die Verachtung, die von Kant für Mutter Valerie (Doris Plenert) und Tochter Gabriele (Luana Bellinghausen) empfindet, die aufgesetzte Freude, mit der sie Freundin Sidonie (Katja Zinsmeister) begrüßt und die übersteigerte Leidenschaft, mit der sie Karin umwirbt.

Marlene, die als einzige in dem reinen Frauenstück wortlos bleibt, ist auch mit Blick auf das Kostüm eine Ausnahme: Mit rotem Rüschenkleid und Flechtfrisur sieht sie aus, wie einem barocken Gemälde entsprungen. Die anderen Figuren hat Pia Maria Mackert (Bühne und Kostüm) in moderne Kleidung gesteckt.

Schulzes Inszenierung bleibt bis auf geringfügige Abwandlungen sehr nah an Fassbinders Originaltext. Am Ende stehen alle abgewandt voneinander und allein mit ihren Sehnsüchten da: Gabriele sucht die Zuneigung von Petra, die wiederum den Trost der eigenen Mutter. Die hilft nicht bei der Genesung, und so gelingt es von Kant anders als im Original nicht, sich von der Geliebten zu entsagen. Schulze und Dramaturg Oliver Held zeigen eine emotionsgeladene Inszenierung. Das Publikum belohnte insbesondere Borkenstein und Rösner bei der Premiere mit anhaltendem Applaus.

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