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Düsseldorf: „fairhäuser” schaffen Arbeit und versorgen Bedürftige

Düsseldorf : „fairhäuser” schaffen Arbeit und versorgen Bedürftige

Die Schaufensterpuppen tragen farbenfrohe Frühjahrsmode. Kunden schlendern an Kleiderständern und Regalen vorbei und halten nach einem Schnäppchen Ausschau. Eine Atmosphäre wie in einem gewöhnlichen Kaufhaus herrscht im „fairhaus” im Düsseldorfer Stadtteil Bilk. Dabei ist das „fairhaus” alles andere als ein gewöhnliches Kaufhaus.

Alle Waren sind gebrauchte Spenden und werden zu extrem günstigen Preisen angeboten. Die Verkäufer sind Teilnehmer an Qualifizierungsmaßnahmen.

Die gemeinnützige Beschäftigungsgesellschaft renatec der Düsseldorfer Diakonie bietet seit ihrer Gründung 1986 Weiterbildung für Langzeitarbeitslose an. Sie wirbt damit, dass sie jährlich rund 1000 Menschen bei ihrem beruflichen Wiedereinstieg unterstütze, von denen 20 Prozent dann auch tatsächlich eine Stelle fänden.

Auftraggeber der renatec sind die EU, das Land NRW und die Arbeitsagentur. Das „fairhaus” in Bilk sowie die drei weiteren Häuser in Eller und Reisholz unterstehen der renatec.

Die vier „fairhäuser” haben den Ruf eines besonders erfolgreichen Qualifizierungsangebots erlangt. Betriebsleiter Michael Wirtz erklärt: „Die Qualifikationen erfolgen hier auf hohen Standards mit modernster Technik.” Nicht nur im Bereich des Verkaufs werden Teilnehmer eingesetzt, auch die Hintergrundlogistik wird von ihnen übernommen. Die Aufarbeitung der gespendeten Waren erfolgt in Kooperation mit anderen Werkstätten der Beschäftigungsgesellschaft.

Der kaufmännische Aufwand hat sich durch die seit zweieinhalb Jahren ausgegebene „faircard” noch erhöht. Mit der Kundenkarte bekommen Arbeitslose, Rentner, Studenten und Menschen mit einem ähnlich niedrigen Einkommen 30 Prozent Rabatt auf alle Waren. Aber auch Kunden, deren Einkommen über der Freigrenze liegt, können eine „faircard” beantragen und erhalten drei Prozent Rabatt.

Damit niemand unfreiwillig Auskunft über seinen sozialen Status geben muss, sind die Karten optisch nicht zu unterscheiden. Rund 5000 Karten sind derzeit in Benutzung.

Der Ursprung der „fairhäuser” liegt im Hilfswerk der Diakonie in Düsseldorf, das gebrauchte Textilien für Bedürftige ausgab. Im Mai 1996 ging das Hilfswerk in der renatec auf. Die Gesellschaft eröffnete vor dem Hintergrund der lokalen Agenda 21 im Februar 2000 das erste „fairhaus” in Bilk.

Das lokale Agenda-Programm versucht seit 1998, in Düsseldorf Projekte umzusetzen, die das von der globalen Agenda 21 angemahnte nachhaltige Handeln berücksichtigen. Dies geschehe auch in den „fairhäusern”, sagt Susanne Hohenschild, Sprecherin der renatec: „Wir wollen Langzeitarbeitslose im Arbeitsmarkt integrieren, aber nur in Arbeitsfeldern, die sinnvoll für die Gemeinschaft sind.”

Somit profitieren von den Second-Hand-Läden nicht nur die Mitarbeiter, die sich dort weiterbilden können, sondern auch sozial schwache Kunden, die dort für fünf Euro eine Jeans kaufen können. Im 700 Quadratmeter großen „fairhaus” in Bilk können sich die Kunden nicht nur mit Bekleidung, sondern auch mit Kleinmöbeln, Elektrogeräten, Hausrat, Spielzeug und Büchern versorgen.

„Unsere Idee war, unser soziales Anliegen auf einem Stand und in einer Optik wie der Einzelhandel umzusetzen”, sagt Susanne Hohenschild. Dass dies gelungen ist, zeigt die Kundschaft der „fairhäuser” : Vorwiegend sind es einkommensschwache Menschen, die sich in den Häusern versorgen, doch auch finanziell besser gestellte Menschen schätzen das vielfältige Angebot.

Konny Ben-Benjamin wohnt inzwischen in Niedersachsen, aber fast immer, wenn sie in ihrem ehemaligen Wohnort Düsseldorf ist, stöbert sie im „fairhaus” in Bilk: „Ich kaufe hier häufig Geschenke für meine drei Söhne.”

Das Konzept derartiger „fairer” Kaufhäuser gibt es nicht nur in der Landeshauptstadt. Auch in anderen Städten gebe es ähnliche Häuser mit einem solch breiten Angebotsspektrum, informiert Heinz-Wilhelm Quindeau, Referent für Arbeit und Ausbildung des Diakonischen Werks der Evangelischen Kirche im Rheinland (EKiR). In der dritten Auflage des „Etwas anderen Branchenbuchs” der EKiR und der Diakonie sind in NRW 23 Zweite-Hand-Kaufhäuser verzeichnet.

Quindeau nennt die Kaufhäuser ein „Erfolgsmodell”, da sie gute Qualifikationsmöglichkeiten in verschiedenen Bereichen böten und die Versorgung sozial Schwacher gewährleisteten. Durch die neue Sozialgesetzgebung bestehe ein vermehrter Bedarf an solchen Läden, meint Quindeau.