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Aachen/Mönchengladbach: Fachhochschulen erforschen, was der Markt braucht

Aachen/Mönchengladbach : Fachhochschulen erforschen, was der Markt braucht

Seit 1971 versorgen Fachhochschulen (FH) die Wirtschaft und die Behörden mit gut bis sehr geschulten, vor allem praxisnahen und im Vergleich zu den Universitäten jungen Absolventen. So natürlich auch die FH Aachen und Mönchengladbach. Das stellte Wissenschaftsministerin Hannelore Kraft (SPD) jetzt höchst persönlich fest.

Den großen Vorteil der „Anwendungsbezogenheit” von Forschung und Ausbildung der Fachhochschulen führen Politiker und Ministerien ständig im Munde. Und die Universitäten sehen es auch gerne so: wir kümmern uns um „große” Wissenschaft, die FHs um Berufsnähe.

Hochschulwelt in Ordnung?

So könnte die zweigliedrige deutsche Hochschulwelt im Grunde ganz in Ordnung sein - wären da nicht ein paar ewige und nun verschärfte Konkurrenz-Probleme zwischen FHs und Unis.

Fachhochschulen leiden, manche mehr, andere weniger, unter mangelnder Anerkennung, schlechterer materieller und finanzieller Ausstattung, geringerer Bezahlung ihrer Professoren und auch Benachteiligung ihrer Absolventen etwa im Öffentlichen Dienst und beim Promotionsrecht. Hinzu kommt nun die Frage, ob die künftig in ganz Deutschland formal gleichen Abschlüsse Bachelor/Master nicht doch in „erste und zweite Klasse” geschieden werden.

Brötchenreicher Aufwand

So treiben die Fachhochschulen verständlicherweise einen beträchtlichen und brötchenreichen Aufwand, bietet sich eine Gelegenheit, ihre oft unterschätzten Leistungen ins Spiel zu bringen.

Die bot sich jetzt in Nordrhein-Westfalen als die Wissenschaftsministerin in Begleitung eines Journalistentrosses drei (von zwölf staatlichen) Fachhochschulen aufsuchte, in Aachen/Jülich, Mönchengladbach und Gelsenkirchen. Am Ende machte Hannelore Kraft allen ein geschicktes Kompliment: „Die Fachhochschulen verstehen es sehr viel besser zu vermitteln, was sie tun als die Universitäten.”

Stau und Protest

Die Grenzlinie hatte sie am Anfang der Rundreise gezogen: „Nicht jeder Bachelor kann Master werden. An den Fachhochschulen steht die Anwendung im Vordergrund.” Dazwischen lag eine infolge Autobahnstau, Studentenprotesten und einem umfassenden Präsentationsbedürfnis der Vortragenden („Herr Professor Meier hat auch noch etwas vorbereitet...”) in Minuten bis Viertelstunden gezwängte Aufnahme von etlichen Stellwänden, Power-Point- und Labor-Demonstrationen.

Das reichte, immerhin, um sich ein Bild davon zu machen, mit welch vergleichsweise bescheidenen öffentlichen Finanzmitteln - ganze fünf Millionen Euro kosten die drei Forschungsförderungsprogramme des Landes - die Fachhochschulen im Verbund mit der Industrie an nützlichen Dingen forscht, auf die der Markt und der Verbraucher tatsächlich wartet.

Die FH Niederrhein (Mönchengladbach/Krefeld, 10600 Studierende) etwa hat ein Verfahren und die dazu gehörigen Geräte entwickelt, die die Qualitätsverluste (an Nährstoffen, Vitaminen und Aussehen) beim Einfrieren und Auftauen von Speisen weitgehend minimieren. Das ist vor allem für Versorgungseinrichtungen (Heime, Krankenhäuser) wichtig, die keine eigene Küche mehr unterhalten. Noch näher am individuellen Verbraucher ist ein Forschungsprojekt des Fachbereichs Textil- und Bekleidungstechnik: „Industrielle Maßkonfektion für Damenoberbekleidung”.

Kleidung, die passt

Ausgehend von der Erkenntnis, dass bis zu 60 Prozent der in den üblichen Konfektionsgrößen gekauften Kleidung geändert, also auf die tatsächlichen Körpermaße angepasst werden muss, entwickeln die Mönchengladbacher ein Computerprogramm, das eben diese Maße erfassen kann und schon bei Bestellung eine nahezu 100prozentige Passform ermöglicht.

Alle „Abweichungen” von der Norm etwa an Hüfte, Po und Oberkörper, die an der Kundin gemessen werden, setzt das Programm in den entsprechend individuellen und somit perfekten Schnitt um.

Bezahbare Lösung

Bei höherpreisigen Produkten gibt es dies (in USA) schon. Die Fachhochschule Niederrhein sucht nach einer „marktfähigen”, also bezahlbaren Lösung, die nicht zuletzt den Versandhandel interessieren könnte. Wenn jemand sie findet, dann wohl dieser Fachbereich, der größte seiner Art in ganz Europa. Das die Besucher am meisten beeindruckende Produkt war allerdings eine Tischdecke, auf der Flecken aller Art keine Chance mehr haben: Nanotechnik machts möglich.

Was diese schon recht gegenwärtige „Zukunftstechnologie”, die man auch gemeinhin den Universitäten zurechnet, sonst noch kann, führte die FH Gelsenkirchen (5800 Studenten) vor. Keramische Zahnprothesen, zum Beispiel, die wesentlich fester und dauerhafter sind. Oder eine Art Folie, die bis zu 1200 Grad Hitze aushält und einen kostengünstigen Brandschutz darstellt.

Aachener Kompetenz

Die in Bezug auf die Zahl von auch mit Bundesmitteln geförderten Forschungsschwerpunkten (über 20), eingeworbenen Drittmitteln (4,1 Millionen Euro in 2003) und Haushalt (44,7 Millionen) bedeutendste Fachhochschule (8500 Studenten) dieser drei ist gleichwohl die Aachen-Jülicher.

Sie mischt an auch weltweit relevanten Verbesserungen namentlich der Automotor-Technik mit. In Kooperation, zum Beispiel, mit dem in Aachen ansässigen Unternehmen FEV Motorentechnik, entwickelt man den „nockenwellenlosen Verbrennungsmotor”.

Revolutionäre Technik

Eine revolutionäre Technik, die den herkömmlichen, aber verschleißträchtigen und Kraftstoff schluckenden Antrieb von Ottomotoren durch elektromechanische, verbrauchsarme Ventile künftig ersetzen könnte. Tief in die medizinischen Grundlagen(!)forschung wiederum taucht die biomedizinische Forschung in der Abteilung Jülich, die in der „Kompetenzplattform Bioengineering” etwa künstliches Blut oder die Stärkung von Herzmuskelzellen durch Medikamente entwickelt.

Mag nicht alles Gold sein, was in der Vorführung glänzte. Doch die Kompetenz, namentlich für die mittelständische Industrie, sowie das Engagement der Fachhochschulen dürfte die Ministerin deutlicher beeindruckt haben als vor ihrem Anstandsbesuch ohnehin schon vorformuliert war: „Das Geld ist hier exzellent eingesetzt.”