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Aachen: Ewig glühende Leidenschaft

Aachen : Ewig glühende Leidenschaft

Ist das inzwischen leuchtend rote Haar ein Zeichen für die Glut, die noch immer in ihr brennt? „Vielleicht”, denkt man vor dem Konzert. „Bestimmt”, sagt man danach. Esther Ofarim in Aachen.

Die 66-jährige israelische Sängerin und Schauspielerin, die in bedeutenden Produktionen - unter anderem von Peter Zadek - mitwirkte, aber letztlich den meisten Konzertbesuchern (alle nicht mehr so ganz jung) noch aus den 60er Jahren bekannt ist, gastierte im Rahmen der Reihe „Voices” in der Mulde des Aachener Ludwig Forums,.

„Esther & Abi Ofarim”, das waren Hits wie „Cinderalla Rockefella” oder „Morning Of My Life”, ein von den Bee Gees geschriebener Song, der in Deutschland zum größten Erfolg des Duos wurde. In den 70er Jahren trennte sich das Paar. Es wurde ruhig um Esther Ofarim, die sich ins Privatleben zurückzog.

Mit der Rückkehr aus New York 1987 bahnte sich allmählich eine neuer künstlerischer Weg an. Zurzeit lebt Esther Ofarim in Hamburg und tourt mit einem anspruchsvollen Programm aus Folk, Klassik, Musical-Titeln, traditionellen israelischen Liedern und Jazzballaden. Yoni Rechter, musikalischer Leiter am Klavier, ist ihr ein guter Berater.

Gute Arrangements

Zusammen mit Michail Paweletz (Violine) und Micha Kaplan (Bass) ist Rechter mehr als ein Begleiter. Als Arrangeur hat er Ofarim die Titel des vielschichtigen Programms buchstäblich auf den Leib geschrieben. In einer kleinen Pause stellt er sich mit seinen Kollegen auch solistisch als empfindsamer Sänger und Jazzer vor.

Esther Ofarim auf der Bühne - die für sie so typische leichte Neigung des Kopfes, die dramatische und doch feine Gestik der Hände, das kleine Lächeln sind noch da. Sie trägt ein samtig-dunkles Oberteil, einen edlen langer Rock, nur hier und da gibt es ein winziges Glitzern: Eine elegante selbstbewusste Frau, die sich in bescheidenster Form ihrer Wirkung bewusst ist.

Ihre unverwechselbare Stimme, die energiegeladen und mit langem Atem in höchste Höhen schwingt, die weich und zärtlich, manchmal zerbrechlich, aber immer noch messerscharf und metallisch den Raum durchschneiden kann, bannt das Publikum von Beginn an.

Spannend ist der akrobatische Stilwechsel in der Titelfolge. Wie flehende Gebete klingen hebräische Lieder auf, sehnsüchtige Erinnerungen leuchten dunkel, kindlich leicht und hell ist der Hirtengesang, dann wieder kummervoll der Klang aus den tiefsten Tiefen eines leidgeprüften Volkes.

Mit intelligentem Biss interpretiert sie einige Kurt Weill Songs, dann plötzlich ein Beatles-Titel: „She´s Leaving Home”, die bewegende Geschichte einer Flucht aus muffiger Bürgerlichkeit. Da kann sie sehr ironisch werden, funkelt der Blick. Sorgfältig ausgewählt sind die Jazzballaden. Hier lebt sie ihr reifes Frausein mit großer Ehrlichkeit aus. Liebesschwüre, hingebungsvolle Traurigkeit, bittersüße Gedanken - und dann mit Stolz und Kraft Dinah Washingtons hinreißend, provokativer Song „Mad About The Boy” - das Bekenntnis zu Leben und Leidenschaft.

Und immer beeindruckt die glasklare Sprech- und Gesangstechnik dieser Künstlerin. Man versteht jedes Wort und erkennt, wie intensiv sie ihre Titel interpretiert. Das Publikum lauscht und jubelt. Nach 75 Minuten die erste Zugabe: „Morning Of My Life”, zart und wehmütig, hat er nichts von seiner Brillanz eingebüßt. Niemand will sie gehen lassen, doch nach dem wunderschönen demütig vorgetragenen Brahms-Wiegenlied „Guten Abend, gut´ Nacht” in deutscher, hebräischer und englischer Sprache hat jeder verstanden, dass man so ein Abschiedsgeschenk still auf sich wirken lassen sollte.