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Maastricht: Evelien im Bann des Europäers

Maastricht : Evelien im Bann des Europäers

Sein Name steht für Europa, die Währungsunion, die Wiedervereinigung, aber auch für Schwarze Kassen, Machtspielchen und die Kunst des Aussitzens: Helmut Kohl, besser: Dr. Helmut Kohl.

Gedehnt und mit einem gewissen Unterton ausgesprochen. Ein bisschen Ehrfurcht hält er für angemessen. Und seinen Doktortitel vergessen, hieße, sich ins kommunikative Abseits zu katapultieren.

Aber mit Dr. Helmut Kohl sprechen zu können, ist so wahrscheinlich, wie Hartz IV auf Anhieb zu verstehen. Ihm zu begegnen, ist dagegen nicht ganz so unwahrscheinlich, denn Kohl spricht prinzipiell schon gerne, vor allem aber über Themen, die er sich aussucht. „Nie wieder Krieg” heißt eines davon. Multilingual und politisch übersetzt ist es für den Altkanzler nur ein Wort: Europa.

Lebendiges Symbol

Vorträge in und über Europa hält er mit Vorliebe und aus dem Effeff. „Gerne” habe er zum Beispiel zugesagt, als ihn die Universität Maastricht einlud, zur Eröffnung des Akademischen Jahres über „Die Zukunft Europas” zu reden, sagt Lutz Stroppe, Sprecher seines Berliner Büros. Die Hochschule will sich als europäische Universität präsentieren, nicht nur, aber auch, weil die Niederlande zurzeit den Vorsitz im Europäischen Rat in Brüssel haben. Und wer füllt das Bild von Europa am besten aus? Für Marcel Schrijnemaekers, Sprecher der Universität Maastricht, keine Frage: „Helmut Kohl ist ein Symbol für Europa.”

Und die Aussicht auf eine Begegnung mit diesem lebendigen Symbol lässt Studentinnen vor dem Eingang zum Auditorium im MECC nervös kichern und nach der Kleiderordnung fragen. „Auf der Karte stand nichts von Abendgarderobe”, raunen sich die Erstsemester zu und werfen kritische Blicke auf Anzug- und Schlipsträger. Kaum einer von ihnen kommt dem Kanzler jedoch an diesem Tag so nahe wie Evelien van der Zon. Die Medizinstudentin sitzt ebenfalls vorne auf der Bühne, weil sie Kandidatin für einen Studenten-Preis ist. Ihr Tisch steht genau neben dem Tisch, an den sich der ehemals wichtigste Mann Deutschlands setzen soll. Als es plötzlich ganz still wird, weil alle auf den 74-Jährigen warten, rutscht sie unruhig auf ihrem Stuhl hin und her, streicht ihr dunkelrosa Kleid glatt und lächelt unsicher.

Eine Armlänge entfernt - und doch unerreichbar

Dann kommt er. Mitten in die Stille hinein. Umringt von einer Traube aus Fotografen und Kameraleuten, die nur für ihn angereist sind. Applaus. Ehrfürchtige Verbeugungen. Er setzt sich, nur eine Armlänge von Evelien entfernt - und doch unerreichbar. Eine blonde Dame, die mit ihm kam, beugt immer wieder den Kopf zu Kohl, bemüht, mit Kommentaren ein feines Lächeln auf seine Lippen zu zaubern. Sie ist Professorin an der Universität, ausgesucht, weil sie aus Deutschland kommt.

Der Kanzler lauscht und nickt, nur lächelt er nicht. Es dauert, bis er spricht. Zuerst schwärmt ein Student über die Möglichkeiten des europäischen Rechts, ein Mitglied des niederländischen Parlaments nutzt die Veranstaltung zum Wahlkampf, und Evelien van der Zon bekommt tatsächlich den mit 600 Euro dotierten Studenten-Preis. Die 24-jährige Niederländerin hat nämlich nicht nur vorbildliche Noten und setzt sich für kranke Menschen ein, sondern hat auch einen Praktikums-Markt für Studenten aufgebaut.

Dann erst tritt Dr. Helmut Kohl, der sich außerhalb der Grenzen Deutschlands immer noch gerne mit „Bundeskanzler” begrüßen lässt, ans Mikrofon. Seine ersten Worte gelten - Evelien. Sie springt vor Schreck und Begeisterung auf. Verbeugt sich. Will sein Lob mit strahlendem Lächeln annehmen. Doch Kohls Blick gilt starr dem Publikum, nur den Bruchteil einer Sekunde streift er die junge Frau, bevor er sich seinem Thema zuwendet: Nie wieder Krieg.

Er erzählt, wie er als Zwölfjähriger die ersten Fliegerangriffe erlebte, wie er als 13-Jähriger dabei war, als Tote geborgen wurden und wie er mit 15 Jahren vereidigt wurde, um in der Wehrmacht einen aussichtslosen Kampf zu kämpfen. Sein persönlicher Grund, für Europa zu kämpfen. Andere Menschen werden weich, wenn sie Anekdoten aus ihrem Leben erzählen. Kohls Panzer hält.

Energiegeladen

Er spricht von Optimismus, von Visionen und wippt ein wenig auf den Fußspitzen, wenn er sagt „Wir packens”. Es steckt noch viel Energie in diesem Mann. Sebastian Steinbach, der gerade sein Studium in Maastricht beginnt, findet: „Er hat eine unglaubliche Ausstrahlung.” Eigentlich ist der 20-jährige Niedersachse eher skeptisch und die CDU nicht gerade die Partei seines Herzens, aber: „Man muss ihm einfach zuhören.”

Danach: stehende Ovationen. Später: Der Auszug Kohls mit seinen fünf Leibwächtern, die ihm Mikrofone und Fotoapparate vom Leib halten. Doch statt ohne Stopp in die schwarze Limousine zu steigen, die ihn zurück nach Ludwigshafen bringen soll, setzt er sich noch einmal. Mitten ins Foyer an einen Tisch. Fast eine Stunde bleibt er sitzen, nippt an einem Glas Rotwein und lässt sich Häppchen reichen. Um ihn herum Studenten, Professoren, Honoratioren. Scheu werden ihm Stift und Papier gereicht: „Würden Sie bitte, Herr Dr. Helmut Kohl?” Gedehnt gesprochen und mit diesem gewissen Unterton. Autogramme? Ja. Fragen? Bitte nicht!