Zeichen statt Kampfansage: Eupener Ikob-Museum zeigt nur Werke von Frauen

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Das Eupener Ikob-Museum ruft das Jahr des Feminismus aus und greift zu einer symbolträchtigen Maßnahme. Für die Austellung „4/10“ wurden sämtliche Werke von männlichen Künstlern ins Lager geräumt.

Fotografien, Skulpturen, Gemälde, Videokunst – eine bunte Mischung von Stilen und Darstellungsformen breitet sich aktuell auf den zwei Etagen des Eupener Museums Ikob aus. Wer weder Werkliste noch Museumsschildchen zu Rate zieht, dem wird das Konzept der Ausstellung nicht unbedingt sofort klar. Gut so, findet Miriam Elebe, Kuratorin am einzigen Museum für zeitgenössische Kunst in Ostbelgien. Für „4/10“ hat sie sämtliche Werke von männlichen Künstlern ins Lager geräumt und stellt nur Arbeiten von Frauen aus.

Die Idee kam Museumsdirektor Frank-Thorsten Moll, als er beschloss, ein feministisches Jahr am Ikob auszurufen. Auf den ersten Blick mag das radikal wirken. Elebe widerspricht: „Radikal wäre die Idee nur, wenn wir alle Männer-Werke nun für 2000 Jahre ins Depot räumen würden.“ Für die Dauer der Ausstellung hat man eine versöhnlichere Lösung gewählt: Das Depot im Erdgeschoss des Museums bleibt offen. So können Besucher von der weit geöffneten Tür aus einen Blick sowohl auf eine Videoinstallation werfen als auch auf die fein säuberlich sortierte Sammlung.

„Die Ausstellung soll ein Zeichen setzen“, sagt Elebe, „keine Kampfansage sein.“ Wer bezweifelt, dass man 2019 noch feministisch motivierte Ausstellungen braucht, dem hält Elebe entgegen: „Es gibt eben noch große Unterschiede. Künstlerinnen verdienen zum Beispiel noch immer weniger als Künstler.“ An Kunsthochschulen in NRW war das Geschlechterverhältnis 2016 zwar ausgeglichen. Kunsthochschulen haben damit den größten Frauenanteil unter den Landes-Hochschulen und zeichnen sich auch durch eine überdurchschnittliche Beteiligung ausländischer Frauen aus. Zugleich wird aber bei Auktionen für die Kunstwerke von Frauen weniger als die Hälfte des Betrags geboten, den Sammler für die Arbeiten männlicher Kollegen zu zahlen bereit sind. Das haben Wissenschaftler der Luxemburger School of Finance herausgefunden. Und in Experimenten gezeigt, dass Menschen gleichzeitig gar nicht in der Lage sind, beim Betrachten eines Werks auszumachen, ob es von einem Mann oder einer Frau geschaffen wurde.

Als man sich im Ikob dafür entschied, das Jahr des Feminismus auszurufen, wurde erst einmal der eigene Bestand geprüft. Dabei kam man auf eine Bilanz, die zunächst nicht so schlecht klingt: 40 Prozent der Werke in der Sammlung stammen von Frauen. „Allerdings wurde das Museum auch erst vor 30 Jahren gegründet und beschäftigt sich mit zeitgenössischer Kunst“, räumt Elebe ein – man sei also im Vorteil gegenüber anderen Museen, weil man erst zu sammeln begann, als Frauen in der Kunst bereits präsenter geworden waren.

Die Tate Britain in London hatte im April in einer ähnlichen Aktion die Frauenquote bei den ausgestellten Werken in der Sektion für zeitgenössische Kunst auf 100 Prozent erhöht. „4/10“ in Eupen zeigt nun Werke von allen Künstlerinnen, die bisher im Museum ausgestellt worden sind – ergänzt durch Schenkungen und Stücke von Künstlerinnen, die noch nie in musealen Ausstellungen zu sehen waren, und Werke, die erst kürzlich zur Sammlung dazugekommen sind.

Dabei sind neben vielen Ostbelgierinnen wie der Eupener Fotografin Alice Smeets Künstlerinnen aus Deutschland und den Benelux-Staaten. Von der in den USA ebenso wie in Deutschland bekannten Andrea Lehnert ist ein neues Ölgemälde zu sehen. Von der in Aachen lebenden Architekturfotografin Irmel Kamp werden Aufnahmen von den Eigenheiten ostbelgischer Architektur gezeigt.

„4/10“ ist mehr als ein Überblick über das, was in den letzten Jahren im Depot geschlummert hat. Es geht um die „Frau an sich“, den Umgang mit ihrem Körper, ihre Rollen in der Gesellschaft, ihren Blick auf den Mann und den Blick der Männer auf sie. „Männerlohn für Frauenarbeit“ fordert Stefanie Klingemann auf einem fiktiven Grünen-Wahlplakat. Eine Fotografie der Niederländerin Lilith Love thematisiert die Beschneidung der Frau, Karin Franks Skulptur „Regelsau“ – eine kleine Figur, die auf einer überlebensgroßen Blutfontäne sitzt – den männlichen Blick auf die Menstruation. Die Ausstellung bietet aber nicht nur eine Plattform für feministische Themen, sondern macht auch deutlich, wie viel Einfluss Frauen in der Kunst haben, wie oft sie Vorreiterinnen und Stilformerinnen waren.

Wer ganz genau hinschaut, kann dann doch etwas männliche Beteiligung entdecken: Die Projektskizze „The Gates“ für eine Aktion im New Yorker Central Park stammt von Jeanne-Claude und Christo. Und die Fotografien des Ehepaars Barbara und Michael Leisgen gelten als wegweisend in der Lichtbildkunst. „Sie würde es verkraften, wenn ich nur in Klammern auf dem Schild stehe“, hat Michael Leisgen zu Miriam Elebe über seine um Gleichberechtigung bemühte, inzwischen verstorbene Frau gesagt. Es geht schließlich um ein Zeichen.

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