1. Kultur

Aachen: „Es geht um die Zerstörung eines gewachsenen Kultursystems”

Aachen : „Es geht um die Zerstörung eines gewachsenen Kultursystems”

Das Aachener Schauspiel - wieder einmal steht es zur Disposition. Eine Strukturkommission - gebildet aus Kultur- und Finanzexperten von Ratsfraktionen und Verwaltung - erarbeitet zurzeit für das Stadttheater realisierbare Sparmodelle.

Sie diskutiert dabei als eine von mehreren Möglichkeiten die Schließung dieser Sparte. Schauspieldirektor Michael Helle bezieht im AZ-Gespräch Position.

Als „ungeheuren Vertrauensbruch” empfindet Michael Helle zunächst die Tatsache, dass die Erwägungen der Kommission - der im Übrigen auch Generalintendant Paul Esterhazy und Verwaltungsdirektor Udo Rüber angehören - durch Indiskretionen bereits öffentlich bekannt geworden sind. „Das ist keine hohe politische Kultur!”

Zumal die Diskussion in der Kommission noch längst nicht einen Stand erreicht hätte, um Zwischenergebnisse zu veröffentlichen.

Was Helle „erschüttert”, wie er sagt, ist dabei die Argumentation, dass die Schließung der Schauspielsparte „am einfachsten” umzusetzen wäre, etwa gegenüber einer Auflösung des Orchesters, die gehörige Abfindungszahlungen nach sich ziehen würde. „Was sinnvoll oder am nützlichsten wäre, wird gar nicht mehr diskutiert.”

Helles Urteil: „Die Politiker sind nur noch Konkursverwalter ihrer eigenen Politik.” Und er erinnert daran, dass „das Theater ja nicht schuld ist an der gegenwärtigen Misere, sondern der Bund, die Länder, die Kommunen.”

Generell appelliert der Theatermann an die Verantwortlichen, „Subventionen nicht leichtfertig in Frage zu stellen. Das sind Investitionen in die Phantasie eines Volkes.” Und die könnten im Bereich des Theaters genauso wenig nach direkten wirtschaftlichen Gesichtspunkten beurteilt werden wie jene im Bereich von Bildung und Forschung.

„Nach dem Zweiten Weltkrieg hatte man auch kein Geld, und trotzdem war es eine erste Maßnahme, Theater neu zu bilden.” Angesichts der Vorgänge befürchtet Helle, dass die Stadt Aachen „gar kein Theater mehr will. Dann soll sie es offen sagen. Und dann tut es einem auch nicht mehr leid, dass man geht.”

Harte Worte, aus denen auch Enttäuschung spricht. „Dabei geht es gar nicht um uns oder 30 Arbeitslose mehr, die angesichts der Millionen sowieso keine Rolle spielen. Es geht um mehr, um ein gewachsenes Kultursystem, das droht, zerstört zu werden.” Wobei er die „für eine Stadt in der Größenordnung Aachens große Zahl” an freien Theatern ausdrücklich einbezieht.

Von der Reduktion der Zahl der Produktionen oder der Mitglieder des Schauspielensembles hält Helle wenig. Die eine Maßnahme hätte geringere Einnahmen zur Folge, die andere „würde sich kolossal auf den Spielplan auswirken. Mit einer Handvoll Leute kann man keine Klassiker spielen.” Zum Beispiel auch nicht Shakespeares „Was ihr wollt”, das unter Helles Regie am 12. Oktober die Saison im Großen Haus eröffnen wird.