„The Rocky Horror Show“ im Grenzlandtheater: Erlaubt ist hier alles, was Spaß macht

„The Rocky Horror Show“ im Grenzlandtheater : Erlaubt ist hier alles, was Spaß macht

Schmissige Tanznummern, absolut verrückte Charaktere, jede Menge Verweise und Parodien auf B-Movies, viel Sex und noch mehr Schlüpfrigkeiten: Das Grenzlandtheater Aachen bringt den modernen Musicalklassiker „The Rocky Horror Show“ auf die Bühne.

Jupp ist offensichtlich einiges gewohnt. Gelassen liegt er auf seiner Decke, die Augen halb geöffnet, während Herrchen nur ein paar Meter entfernt auf abenteuerlich hohen Hacken über die Probebühne stolziert, pure Sexiness verströmt und schon einiges von seinem Gesangspotenzial erahnen lässt. Jupp ist der Hund von Marc Lamberty, der in der neuen Musicalproduktion des Aachener Grenzlandtheaters als Frank‘n‘Furter, dem großen Verführer mit extraterrestrischem Migrationshintergrund, zu erleben sein wird. Man ahnt es schon: Vorhang auf für die „Rocky Horror Show“!

In der Szene, die Jupp verschläft, hat Lamberty seinen ersten großen Auftritt als „sweet transvestite from Transsexual Transylvania“. Den absolviert er bei der Probe noch in Poloshirt und Jeans. Man darf davon ausgehen, dass das nicht so bleiben wird. Und schon haben zumindest diejenigen, die Mitte/Ende der 70er Jahre popkulturell sozialisiert wurden, das Bild von Tim Curry im Kopf, in Strapsen und mit obszön rot geschminktem Mund.

Das Stück ist Kult

Jim Sharmans Verfilmung hat einiges zum Kultstatus des Musicals von Richard O’Brien beigetragen, das 1973 Premiere feierte. Die Handlung ist so bekannt wie simpel: Der spießig-verklemmte Brad (Joshua Hien) trifft auf einer Hochzeit die nicht minder spießig-verklemmte Janet (Janice Rudelsberger) und macht ihr einen Heiratsantrag. Auf dem Weg zu ihrem alten Lehrer kommt zu einer Autopanne auch noch ein Gewitter hinzu, und so verschlägt es beide nächtens auf das Schloss des nach allen Seiten offenen Frank‘n‘Furter, wo sich allerhand seltsames Personal räkelt. Als dann auch noch wie weiland bei Frankenstein ein muskelbepacktes Retortenwesen namens Rocky zum Leben erweckt wird, ist die Verwirrung groß – vor allem die sexuelle.

Klingt nach Späthippie-Burleske, ist es auch. Dass die Geschichte keinen Pulitzer-Preis gewonnen hat, ist kein Zufall. Was das Stück so haltbar gemacht hat, ist letztlich vor allem die Musik. Songs wie „Sweet Transvestite“, „Time Wharp“, „I Can Make You A Man“ oder „Touch-a, Touch-a, Touch Me“ gehen ohne Umweg übers Gehirn direkt dahin, wohin sie gehören: ins Ohr. Dazu schmissige Tanznummern, absolut verrückte Charaktere, jede Menge Verweise und Parodien auf B-Movies, viel Sex und noch mehr Schlüpfrigkeiten: Das ist der Stoff, aus dem eine große „Rocky Horror Show“ gemacht ist.

In Aachen bringt Regisseur Udo Schürmer die Chose auf die bekannt kuschelig-kleine Bühne des Grenzlandtheaters. Die Herausforderung geht er gemeinsam mit Bühnen-und Kostümbildner Steven Koop, mit dem er in Aachen bereits mehrfach zusammengearbeitet hat, mit Choreografin Marga Render, die schon viele Musicals im Grenzlandtheater betreut hat und mit dem Ensemble einen Mix aus Rock’n’Roll, Twist und modernen urbanen Tanzschritten erarbeitet, und mit dem musikalischen Leiter Gero Körner (Keyboards) an. Der wird mit seinen vier Mitstreitern an E-Gitarre, Schlagzeug, Bass und Saxophon auf der variablen Bühne präsent sein – ein Quintett, das ordentlich für Druck sorgen will. Die spielerische Kombination aus 50er Jahre-Schlagern, Rock’n’Roll und klassischem Rock findet Körner faszinierend. Ohropax, betont er, wird allerdings nicht nötig sein. Dass die Songs im englischen Original zu hören sein werden, ist von den Rechteinhabern so festgeschrieben worden – und ein großes Glück.

Schürmer verspricht dazu vor allem „jede Menge Spaß“. Dass man mit Figuren in Reizwäsche und ein paar Frivolitäten heute niemand mehr provozieren kann, weiß der Regisseur natürlich auch. Deshalb will er das Stück auch nicht mit bedeutungsschweren Botschaften überfrachten. Sinnlich soll es werden, ein Spiel mit Klischees, voller Witz und Ironie. Und wenn es dann mal zur Sache geht, dann soll sich das vor allem im Kopf der Zuschauer abspielen und nicht explizit auf der Bühne. „Erlaubt ist alles, was Spaß macht“, sagt Schürmer und lacht. Mit einer Einschränkung: Das Publikum darf selbstverständlich, wie es bei der „Rocky Horror Show“ Tradition ist, mitsingen, tanzen, sich verkleiden, dazwischenrufen. Auch mit Konfetti darf geworfen werden. Allerdings, so die Bitte der Theatermacher, nicht mit Reis. Und auch von Wasserpistolen sollte Abstand genommen werden. Das wäre sonst zu gefährlich für das Ensemble auf der Bühne – nicht nur wegen der hohen Hacken.

Die Drei von der „Rocky Horror Show“: Choreografin Marga Render, Regisseur Udo Schürmer und der musikalische Leiter Gero Körner (von links). Foto: ZVA/Harald Krömer
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