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Locarno: Enttäuschende Premiere von „Was uns nicht umbringt“

Locarno : Enttäuschende Premiere von „Was uns nicht umbringt“

Es hätte so schön werden können: Fast zwanzig Jahre nach dem großen Triumph mit „Belle Martha“ kehrte Sandra Nettelbeck („Mr. Morgans letzte Liebe“, „Helen“) am Freitag auf die Piazza Grande Locarnos zurück. Sie bewirbt sich mit dem Ensemble-Film „Was uns nicht umbringt“ erneut um den Publikumspreis, der damals den Erfolg der Koch-Romanze bereitete.

Zum großen Ensemble dieser Tragikomödie gehören unter anderem Johanna ter Steege, Barbara Auer, Bjarne Mädel, Christian Berkel und Peter Lohmeyer.

Und so ein Piazza-Abend ist nicht irgendeine Welt-Premiere: Den eigenen Film vor 8000 begeisterten Menschen zu sehen, das haut selbst abgebrühteste Film—Menschen um. Doch schon in der Pressevorführung von „Was uns nicht umbringt“ am Abend vorher gab es entsetzte Reaktionen zu dieser unsäglichen Nabelschau wohlsituierter Großstadt—Bürger.

Bereits die ersten Szenen des konstruierten Star-Reigens der Tristesse irritieren: Barbara Auer hat als geschiedene Frau allein zu Hause Probleme mit dem Wasserhahn. Beim still leidenden Psychiater, der seine Ex noch liebt, gehen weitere Figuren ein und aus. Johanna ter Steeges Sounddesignerin will von ihrem Geliebten (Peter Lohmeyer) nicht dauernd vergessen werden und spielt sich im Unglück in die Schulden.

Der elegante Bestatter (Berkel) bekommt beruflich Besuch von seiner Lieblings-Autorin und muss sich mit einer hoch-hypochondrischen Schwester rumschlagen. Nur Bjarne Mädel, in einer typischen Rolle als Tierpfleger Hannes, tut fröhlich und kündigt, damit seine leicht autistische Kollegin Sunny bei ihren Tieren bleiben kann.

Ohne Schwung oder Reiz geht es mehr und mehr bergab mit der Befindlichkeit der Figuren — wohlgemerkt nicht Menschen — und dem Interesse der Zuschauer. Wie heißt es in einem der zahllosen Kalendersprüche, welche die eigentlich klügere Sandra Nettelbeck verbreitet? „Die Welt ist klein und die Probleme groß.“ Der Satz stellt den eigenen Film bloß. In dem ist alles klein. Das ist Stoff fürs ZDF am frühen Montagabend mit viel Überlänge.

Solche Belanglosigkeiten aus allen Ländern zeigt das Festival von Locarno in den letzten Jahren vermehrt auf der großen Bühne des Freiluftkinos am Lago Maggiore. Da wird viel geballert, wie bei „Equalizer 2“ mit Denzel Washington, und gemenschelt. Das bringt niemanden um, nur der Ruf der Piazza Grande bekommt eine weitere Schramme ab. Denn hier liefen einst allabendlich Meisterwerke, anspruchsvolle und populäre. Die lassen sich zum Glück noch in den Nebensektionen entdecken. (Der Kinostart war für den 15. November geplant.)