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Paris: Energiebündel mit romantischem Blick

Paris : Energiebündel mit romantischem Blick

Charles Aznavour wollte eigentlich mit den Kräfte raubenden Tourneen aufhören. Das war vor knapp zwei Jahren.

Doch der französische Star-Chansonnier scheint für einen Abschied von der Bühne doch noch nicht bereit: Einerseits fühlt sich der grauhaarige Charmeur dazu noch zu jung („Ich bin erst vier Mal 20 Jahre alt”), andererseits würde der als Sohn armenischer Flüchtlinge in Paris geborene Sänger wohl ohne das Singen vor Langeweile sterben.

Und so ist Aznavour bis Ende dieses Jahres mit seinem neuen Album „Je voyage” (Ich reise) in Frankreich auf Tournee und steht sogar an seinem 80. Geburtstag am Samstag in Paris auf der Bühne.

Mehr Spaß als früher

„Ich habe immer noch denselben Spaß daran, vielleicht sogar mehr als früher”, erklärte die unermüdliche Chanson-Legende. „Und außerdem, was sollte ich schon zu Hause tun, wenn ich nicht singe? Ruhestand, das hieße für mich vor Langeweile sterben. Die Bühne bedeutet für mich ein unvergleichliches physisches Lustgefühl.”

In mehr als 50 Jahren nahm der „Dinosaurier” des französischen Chansons rund 800 Titel auf, darunter auch die deutschen Erfolgsschlager „Du lässt dich gehen”, „Spiel Zigeuner” und „Ich frag mich warum”.

Hunderte Platten kamen als CD heraus und sind ebenso populär wie neuere Produktionen, zu denen „Plus bleu que tes yeux” (Blauer als deine Augen) zählt, ein durch Studiotechnik ermöglichtes Duo mit der verstorbenen Edith Piaf, „Etre” (Sein) oder „Jazznavour”.

„Die Geschichten, die ich in meinen Chansons erzähle, werden nicht unmodern”, erklärt Aznavour seinen außergewöhnlichen Erfolg. Mit seiner immer noch unverwechselbar rauen, brüchigen und eindringlichen Stimme singt Aznavour Lieder über Liebe, Familie, Jugend und Randgruppen.

Den Taubstummen widmete er den Titel „Mon Émouvant amour” (Meine bewegende Liebe), bei dessen Vortrag er den Text in Gebärdensprache mimte. „Comme ils disent” (Wie sie sagen) war eines der ersten Chansons über Homosexuelle. Und einige der sinnlichen Lieder wie „Après l´amour” (Nach der Liebe) wurden sogar auf den Index gesetzt, weil sie der katholischen Kirche zu weit gingen.

Selbst seine privaten Tiefschläge verwandelt das Energiebündel mit dem romantischen Blick in Lieder. „Mes emmerdes” (Meine Nervensägen) heißt der Titel, den er schrieb, als er wegen eines Steuerskandals seinen Wohnsitz in die Schweiz verlegte, wo er heute noch lebt.

Vor allem Armenien widmete Aznavour, der sich stets als „Franzose armenischer Abstammung” bezeichnete, zahlreiche Lieder wie zum Beispiel „Pour toi, Armenie” (Für dich, Armenien), das er 1989 im Rahmen seiner Unsterstützungsaktion für die Erdbebenopfer von Armenien auf den Markt brachte, und das auf den ersten Platz der französischen Hitliste schnellte.

Daran, dass der Textdichter, Komponist und Interpret aus einer Einwanderfamilie stammt, erinnert auch seine Einwanderer-Hommage „Les emigrés” (Die Emigranten), die er oft zu Beginn seiner Konzerte singt.

Bereits als Knirps trat der als Varenagh Aznavourian im Pariser Quartier Latin zur Welt gekommene Sänger im russischen Restaurant seiner Eltern auf, wo er den Gästen armenische Gedichte und Lieder vortrug. Während des Krieges spielte er Theater und verkaufte Zeitungen, um seine Eltern finanziell zu unterstützen. Schon damals wusste Aznavour, dass er eigentlich immer nur eines wollte: seinen Unterhalt als Künstler verdienen.

„Ich war immer sicher, dass ich diesen Beruf als Sänger, Schauspieler und Autor ausüben wollte”, erklärt das Allroundtalent, das auch in mehr als 40 Filmen, für die er zum Teil die Musik komponierte, mitspielte. Der Tausendsasa wirkte unter anderem in „Schießen Sie auf den Pianisten” von Truffaut und „Die Blechtrommel” von Schlöndorff mit.

Ein vor wenigen Jahren verliehener Theaterpreis, ein Ehren-„Molière”, erinnerte an sein Debüt. Und der ihm vor wenigen Tagen für sein musikalisches Schaffen verliehene Orden eines Kommandeurs der Ehrenlegion - eine der höchsten Auszeichnungen Frankreichs - zeugt davon, dass Aznavour einer der populärsten Vertreter des französischen Nachkriegs-Chansons und einer der letzten Stars der Spezies Autor, Komponist und Interpret ist.