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Köln: Elektra und Bruder Orest planen in der U-Bahn den Muttermord

Köln : Elektra und Bruder Orest planen in der U-Bahn den Muttermord

„Folgen Sie Ihrem Gruppenführer!” Die etwa 40 Menschen mit der gelben Eintrittskarte dackeln gehorsam hinter dem freundlichen Herrn mit Brille her, der sich lässig an seinem Stöckchen festhält und voranschlendert. Hoch über seinem Kopf hält er das gelbe Schild mit dem C.

Wir sind die C-Gruppe und folgen unserem „Gruppenführer” durch die Kölner Innenstadt. Passanten beäugen uns, lächeln, bleiben stehen.

Wenn an der roten Ampel der Warnruf „Vorsicht, warten Sie lieber!” ertönt, erinnert die Tour allerdings eher an einen Kindergarten-Ausflug. Auf diesem Niveau bewegt sich auch die Einführung in den Abend, der keine Stadtführung, sondern eine Theateraufführung werden soll: die „Orestie” an verschiedenen Orten in der City.

In der Digest-Version des „Gruppenführers” klingt die blutige Familienvernichtungsgeschichte, die antike griechische Trilogie von Recht und Rache ziemlich klein: Ein Vater opfert seine Tochter, seine Frau bringt ihn deshalb um, der Sohn tötet daraufhin die Mutter, und jetzt kommt er wohl selbst dran. Das müsse man wissen über die „,Orestie´ von Orest” und über „Armageddon”, sagt der Schildträger.

„Von Aischylos! Und: „Agamemnon!”, protestiert sein Gefolge. Ist das gleich zu Beginn ein Satyrspiel? Denn wenn das gespielt ist, dann ist es wirklich wahnsinnig komisch. Wahrscheinlich aber hat unser „Gruppenführer” nur schlecht geschlafen. Statt des Weltuntergangs verschluckt der Untergrund dann die C-Gruppe. U-Bahn-Station Dom/Hauptbahnhof. Züge fahren ein und aus. Der Bahnsteig wird zur Bühne.

Elektra und Orest planen am Gleis den Muttermord, inmitten der Szenen des Alltags. Und das ist das Aufregende! Ist dieser Macker mit der Sonnenbrille ein Statist, der Alte mit der Baskenmütze ein Bühnen- oder Lebensspieler? „Was ist denn hier los?”, fragt ein gebückter Herr die C-Menschen, die mit Kabel am Ohr in einer Reihe an der Kachelwand vor dem U-Bahn-Panorama sitzen. So werden die Zuschauer selbst zu Schau-Objekten, die ihre Wahrnehmung reflektieren. Wo bricht wieder die Realität ins Spiel, was ist Alltag, was ist als ob? Unberechenbar. Unsicher. Prickelnd!

Je näher aber die Gruppe wieder dem Schauspielhaus kommt, desto stärker lässt dieses Prickeln nach. Ein Glaskasten gibt die Blicke frei auf die Rachegöttin Tisiphone in einer rätselhaften Installation mit elektronischen Klangskulpturen. Beim Stopp im Museum für Angewandte Kunst erscheinen Agamemnon und Klytämnestra als gelackte moderne Fernsehmenschen, die wie die Zuschauer gefilmt werden.

Das soll schrecklich medienkritisch daherkommen und erschöpft sich doch in dahergesagten Phrasen wie: „Der Held an sich ist ein medial-zoologisches Phänomen” oder „Die Bilder sind der Krieg”. Schließlich, im Theater, eröffnet sich auf der schwarzen Bühne zwischen zwei Zuschauertribünen der Götterhimmel - als betuliches Schauspielertheater. „Botenstoffe. Orestie” nennt der Düsseldorfer Manos Tsangaris diese Exkursion.

Als Autor, Komponist und Regisseur hat er ein Ziel: „Theater-Schaltungen zu schaffen, die etwas anderes leisten als das, was wir so gewöhnt sind”. Ungewöhnlich ist dieser Abend gewiss. Poetisch, politisch, psychologisch sind Tsangaris´ Fragmente eher unbefriedigend, aber ein paar Momente der Irritation erzeugen sie immerhin.

Am Ende schweben die Götter an Seilen durch den Bühnenhimmel. Behäbig. Auch Scheinwerfer und Lautsprecher tanzen. Ein (be-) rauschendes Luft-Ballett. Schwerelos. Die Technik imponiert - und dominiert das Theater. Nach fast drei Stunden Gehen, Warten Schauen sehnt man sich zurück in die U-Bahn. Dort würde man sich gerne noch ein Stündchen hinsetzen. Alltag gucken. Der spielt das Theater an die Kachelwand.