„Die Verdunkelten“ von Jérôme Leroy: Einfach nur verschwinden

„Die Verdunkelten“ von Jérôme Leroy : Einfach nur verschwinden

Der Franzose Jérôme Leroy lässt in „Die Verdunkelten“ eine Epoche untergehen. Sein Kriminalroman ist glänzend geschrieben – und eine irritierende Zukunftsvision.

Plötzlich sind sie weg, spurlos verschwunden. Radikal brechen sie mit ihrem bisherigen Leben, reißen alle Brücken hinter sich ab. Freiwillig und ohne irgendeine Erklärung zu hinterlassen. Sie haben einfach nur die Schnauze gestrichen voll. Von allem. Von einem Kapitalismus, der immer aggressiver seine Zähne zeigt. Von einer Gesellschaft, die im eigenen Müll, im Terror selbsternannter Gotteskrieger und in Wolken von Tränengas zu ersticken droht. Von einer außer Rand und Band geratenen staatlichen Maschinerie, für die Demokratie zur bloßen Fassade verkommen ist und die nur noch die Kontrolle über die eigene Bevölkerung behalten will.

Der Autor und die Agentin

Der französische Geheimdienst glaubt zunächst an eine anarcho-autonome Verschwörung. Doch bald muss er feststellen: Es handelt sich bei der Fluchtbewegung keineswegs um eine Modeerscheinung. Es sind nicht nur wenige, zivilisationsmüde Aussteiger, die alles hinschmeißen, aufs Land ziehen, um dort unerkannt und unbelastet ein neues Leben zu beginnen. Man steht vor einem Massenphänomen, das immer häufiger auch Leute betrifft, die eigentlich zu den Gewinnern des Systems gehören.

Bis in die politischen und wirtschaftlichen Spitzen hinein „verdunkeln“ sich die Menschen, wollen vermeintlich Nutzloses tun, die Poesie des Alltags wieder entdecken und nur noch im Augenblick leben. Eine ganze Epoche ist dabei, sich aufzulösen. Das eigene Verschwinden wird zur Utopie. Der Geheimdienst versucht, mit allen Mitteln dagegen anzugehen. Vergeblich. Nicht nur Paris leert sich.

Foto: Edition Nautilus

Auch Guillaume Trimbert steht vor dem Absprung. Er hat vor Jahren seinen Job als Lehrer aufgegeben. Seither schlägt er sich als mäßig erfolgreicher Kriminalautor durchs Leben. Seine politischen Träume hat der ehemalige linksradikale Aktivist begraben. Nun wird der Mann, der auf sein 60. Lebensjahr zusteuert, auch noch von seiner deutlich jüngeren Geliebten verlassen. Was ihm bleiben, sind Zynismus, eine große Melancholie und viele innere Sehnsuchtsreisen in die private, kulturelle und politische Vergangenheit.

Beschattet wird Trimbert von Agnès Delvaux, einer Killerin des Geheimdienstes. Obsessiv heftet sich die schöne Agentin an seine Fersen. Sie verfolgt den taumelnden Trimbert auf dessen Streifzügen durch das nächtliche Paris. Sie dringt in seinen Computer, in seine Gedanken und schließlich in seine Wohnung ein. Während Trimberts Lesereisen lebt die junge, karriereorientierte Frau dort heimlich und unerkannt. Sie hört seine alten Platten, liest seine Bücher, riecht an seinen Hemden, schläft in seinem Bett. Anfangs von dem Schriftsteller noch abgestoßen, ist sie mehr und mehr von ihm fasziniert. Was sie an den Protagonisten derartig fesselt? Lange bewahrt Agnès ihr Geheimnis. Als der eiskalte Engel es endlich preisgibt, hat das einschneidende Folgen.

Mehr als ein Kriminalroman

Nach „Der Block“ (Deutscher Krimipreis 2018) ist „Die Verdunkelten“ erst das zweite Buch des französischen Autors Jérôme Leroy, das ins Deutsche übersetzt wurde. Sein Verlag verkauft es als Kriminalroman. Doch es geht tiefer. Leroy entfaltet auf etwas mehr als 200 Seiten eine irritierende Zukunftsvision, die zwischen düsterer Endzeitstimmung und naiv-romantischem Eskapismus changiert.

Geschrieben hat der 54-jährige Nordfranzose das Buch unter dem Eindruck der Attentate auf das Satiremagazin „Charlie Hebdo“ und den Konzertclub „Bataclan“. Kurz vor den Anschlägen beginnt auch die vom Autor erzählte Zeit, die bis ins Jahr 2030 reicht. Geprägt ist sie von dem nach den Blutbädern verhängten Ausnahmezustand. Aber auch vom damals noch unterschwelligen, inzwischen jedoch durch die Bewegung der „gilets jaunes“ manifesten Gefühl vieler Franzosen, dass in ihrem Land sozial vieles aus den Fugen geraten ist.

Leroy nimmt diese bedrückende Atmosphäre beeindruckend dicht auf. Sein Buch wird zum Psychogramm einer tief verunsicherten Gesellschaft, zur kleinen literarischen Perle eines Autors, den es in Deutschland noch zu entdecken gilt. Nicht nur das unterscheidet ihn von seinem überschätzten Landsmann Michel Houellebecq,

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