Aachen: „Eine Stunde Ruhe“: Komödie von Florian Zeller im Grenzlandtheater

Aachen : „Eine Stunde Ruhe“: Komödie von Florian Zeller im Grenzlandtheater

Kurz vor Ende des ersten Teils ist Stephan Schleberger puterrot, atemlos und braucht dringend eine Pause. Kein Wunder, nonstop ausrasten, aufregen, blinzeln, aufspringen, hinsetzen, protestieren, schnaufen, stöhnen, Haare raufen und Augen rollen — das hält niemand lange aus.

Schleberger ist „Michel“, der Mann, der in Florian Zellers Komödie „Eine Stunde Ruhe“ verzweifelt versucht, eine Schallplatte zu hören — lange Jahre gesucht, endlich auf dem Flohmarkt gefunden. „Me, Myself and I“ von Niel Youart, ein Traum, ein Glück, das der Jazzliebhaber kaum fassen kann. Aber alles geht schief.

Für das Grenzlandtheater Aachen hat Werner Tritzschler das Stück inszeniert, das jetzt Premiere hatte. Von Anfang an setzt er auf Tempo. Die Story vom biederen Michel, der sich eine Stunde Ruhe wünscht und dauernd gestört wird, ist spaßig. In Schleberger hat die Regie einen beweglichen Darsteller, der die Rolle facettenreich umsetzt und dabei alle Register komischer Verzweiflung zieht.

Aber da gibt es im Verlauf des Stücks keine Atempausen, keine ruhigen Momente, kein Innehalten. Das nervt irgendwann. Das Ganze entwickelt sich ohnehin vom heiteren Konflikt zur Beziehungstragödie, bei der die Schallplatte bald kaum noch eine Rolle spielt und zeitweilig vergessen erscheint. Sicherlich eine Schwäche des Stücks, in das Autor Zeller offenbar möglichst viel hineinpacken wollte. In so einem Fall ist die Regie gefordert und muss entscheiden, was im Vordergrund steht. Alles? Das funktioniert nicht.

Simone Pfennig ist als Ehefrau Nathalie genauso getrieben und hysterisch wie Elsa, ihre beste Freundin, gespielt von Cynthia Thurat. Beide zerren sie panisch am guten Michel herum, stöckeln unentwegt über die Bühne oder ziehen die Schuhe aus, sind aufgeregt, heulen, zetern und klammern. Dann kommt noch Michels Sohn Sébastien hinzu, den Janosch Maier mit dem düsteren Weltschmerz eines verirrten Punkmusikers spielt.

Handwerker sorgt für Schlamassel

Sein Kinderherz versteckt der tätowierte junge Mann hinter wilden Sprüchen. Christian Miedreich entwickelt als lästiger Nachbar Pavel komische Intensität. Und da gibt es eine weitere Nervensäge: Léo, den portugiesischen Handwerker, der mit seinen Reparaturversuchen für den schlimmsten Schlamassel im Haus sorgt. Fabio Piana verleiht der kleinen Rolle komische Wucht und sorgt für kraftvolle, heitere Momente. Krampfhaft um Haltung bemüht: Harald Schröpfer als Pierre, bester Freund der Familie, der sich eine blutige Nase holt, weil sein Seitensprung mit Folgen herauskommt.

Dabei fragt man sich, ob das fleckige Taschentuch sein muss, das er dauernd in Richtung Publikum hält. Witzig. Und die beiden Frauen im identischen Kleid als Signal dafür, dass „Mann“ sich am liebsten etwas Vertrautes zum Ehebrechen sucht? Auch witzig. All das findet im Bühnenbild von Tom Grasshof Raum, der sich kleine Raffinessen hat einfallen lassen wie die kantigen weißen Möbel und das große Schallplattenregal, das Michels Liebe zum Jazz dokumentiert. Irgendwann sind alle weg, ist alles kaputt. Dann kommt der ersehnte ruhige Moment: Die Nadel trifft auf die Platte. Es knistert. . .

Eine Inszenierung, die guten Akteuren Höchstleistungen abfordert, aber die Frage zurücklässt, ob man die nachdenklichen und durchaus ernsthaften Aspekte dieser Komödie nicht deutlicher herausarbeiten kann. Freundlicher Applaus.

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