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„Verwirrnis“ von Christoph Hein: Eine Liebe, die nicht sein durfte

„Verwirrnis“ von Christoph Hein : Eine Liebe, die nicht sein durfte

Beginnen wir ausnahmsweise am Ende, denn es sagt eine Menge aus über den neuen Roman von Christoph Hein.

Ganz am Ende also liegt Friedeward Ringeling leblos in der Badewanne, „eingehüllt in seinen weißen Bademantel, der rötlich verfärbt war - Er wirkte gelöst, sein Gesichtsausdruck war fast heiter, der Mund leicht geöffnet, sein Kinn berührte die Wasseroberfläche“.

Seltsam gefühlskalt

Als Leser befinden wir uns in diesem Lektüremoment bereits auf Seite 299 des Romans, was bedeutet, dass wir Friedeward schon ein ganzes Stück durch sein Leben begleitet haben. Nun, da er tot in der Wanne liegt, hat man nicht das Gefühl, als ginge die Welt unter. Man ist weder geschockt noch traurig, seltsam gefühlskalt nimmt man die menschliche Tragödie zur Kenntnis. Vielleicht hat man das Drama ja viel zu lange kommen sehen. Vielleicht ist einem dieser Friedeward im Laufe des Romans aber auch einfach nur fremd geblieben.

„Verwirrnis“ von Christoph Hein

Dieses nicht wirklich Warmwerden mit Friedeward und den anderen Protagonisten zieht sich leider durch den gesamten Roman, in dem sich der Autor zwar einmal mehr als bemerkenswerter Chronist erweist, sich als Erzähler jedoch zu sehr an der Oberfläche seiner Hauptdarsteller bewegt. Dieser Roman hat alles — seltsamerweise aber sehr wenig Emotion.

Dabei könnte das Thema kaum emotionaler sein: Friedeward liebt Wolfgang. Und Wolfgang liebt Frie- deward. Sie sind jung, genießen die Sommerferien, fahren mit dem Fahrrad die weite Strecke ans Meer und reden stundenlang über Gott und die Welt. Sie sind glücklich, wenn sie zusammen sind, und das scheint alles zu sein, was sie brauchen. Doch niemand darf wissen, dass sie mehr sind als nur Freunde. Es sind die 1950er-Jahre, sie leben im katholischen Heiligenstadt, und für die Menschen um sie herum, besonders für Friedewards strenggläubigen Vater, ist ihre Liebe eine Sünde. Käme die Beziehung ans Licht, dann könnten sie alles verlieren. Soweit die Zusammenfassung im Innenteil.

Der große deutsche Chronist Christoph Hein zählt nicht nur zu den bedeutendsten Autoren in unserem Land, sondern auch zu den Vielschreibern. Foto: dpa

Rein rechtlich war die DDR bei der Behandlung von Homosexuellen liberaler als die Bundesrepublik. Während der Schwulenparagraph 175 in der DDR bereits im Jahr 1968 gestrichen wurde, dauerte es in der BRD immerhin bis 1994, ehe der Paragraph verschwand. Erst im Zuge der Wiedervereinigung und der Zusammenführung der Rechtssysteme wurde der 175er im März 1994 endgültig aus dem Strafgesetzbuch gestrichen.

Keine Akzeptanz in der Bevölkerung

Die rechtliche Situation ist eine Sache, die gesellschaftliche eine ganz andere. So führte der Umstand, dass der Paragraph 175 in der DDR deutlich früher abgeschafft wurde, keineswegs zu einer größeren Akzeptanz in der dortigen Bevölkerung. Im Gegenteil: Die Menschen und das System taten sich extrem schwer mit dem Thema gleichgeschlechtliche Liebe; von den Vorurteilen, den Schikanen und dem immensen Leid, das Schwulen widerfahren ist, handelt dieser wichtige Roman.

Christoph Hein: „Verwirrnis“ 303 Seiten, 22 Euro. Suhrkamp Verlag

Man muss Christoph Hein (74) dankbar sein, dass er, den man einen bedeutenden Chronisten der jüngeren deutschen Geschichte nennt, sich dieses wichtigen Themas angenommen hat. Während man dieses Buch liest, denkt man, dass es ein Segen ist, dass sich unsere Gesellschaft bei der Frage der Akzeptanz von Schwulen und Lesben deutlich positiv entwickelt hat.

Und doch gehört wohl auch zur Wahrheit, dass die alten Vorurteile längst nicht ausgeräumt sind. Man hätte Friedeward Ringeling von Herzen gewünscht, dass er seine Liebe zu Wolfgang offen hätte ausleben dürfen. Die Zeit war noch nicht reif. Heute hätten sie ganz andere Voraussetzungen. Welch ein Segen!