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Heerlen: Eine Art Centre Pompidou der Euregio

Heerlen : Eine Art Centre Pompidou der Euregio

Er gehört zu den 1000 bedeutendsten Bauten der Welt, wie die Union Internationale dArchitecture festgestellt hat.

Der Glaspalast im Heerlener Zentrum, eröffnet 1935 als Kaufhaus Schunck, für 30 Millionen Euro ab 2000 restauriert, 2003 eröffnet als Kulturzentrum der Stadt.

Doch erst jetzt findet der modernistische Bau seine angemessene Würdigung, nachdem die innewohnende Stadsgalerij, die Bibliothek, der Ballettsaal, das Filmhaus, das Architekturzentrum und schließlich das Café in der Öffentlichkeit nicht jene Strahlkraft erreichten, wie es sich die Stadtväter vorgestellt hatten.

„Broken Glass” lautet der Titel eines umfangreichen Kulturprogramms, das weit über eine Ausstellung zum Thema „Glas” hinausgeht und den Glaspalast bis zum 30. Oktober mit Leben füllt.

Große Erfahrung

Organisiert hat das Projekt ein Mann, der mit der Einbeziehung unterschiedlichster Kunstbereiche große Erfahrung hat: Wolfgang Becker, der ehemalige Direktor des Aachener Ludwig Forums.

Heerlen hat den 69-Jährigen eigens zum „Intendanten” des Glaspalastes ernannt; im nächsten Jahr organisiert er dort ein ähnliches Projekt während der WM in Deutschland zum Thema Fußball.

Und Wolfgang Becker zeigt es allen noch einmal, wie es geht - „Broken Glass” hätte genausogut zum Ludwig Forum gepasst; als integratives Kulturprogramm und interdisziplinäres Konzept zu einem Generalthema liegt es voll auf Linie des Profils des Aachener Hauses.

Tatsächlich haben Mitarbeiter des Ludwig Forums am Zustandekommen von „Broken Glass” nach Kräften mitgewirkt. Den Hauptsponsor - naheliegenderweise aus der Glasindustrie - hat Becker selbstverständlich auch selbst eingeworben: Saint Gobain.

Kunst, Architektur, Film, Debatten, Vorträge, Lesungen in der Bibliothek, Musik, Jugendprogramm und ein epochales Buch - all das thematisiert jenen seit Jahrhunderten faszinierenden Stoff, aus dem der Heerlener Palast zum großen Teil selbst besteht - drum versteht sich „Broken Glass” als eine einzige Hommage an den von Frits Peutz entworfenen Bau.

Glas, das ist für Becker eines der bestimmenden Medien unserer Welt schlechthin, der Blick durch Glas trifft genauso auf Illusionen wie auf die Wirklichkeit. Und sichtbar wird es erst als „Broken Glass” - erst Bruchstellen lassen den scheinbar unsichtbaren Stoff wahrnehmbar werden.

In diesem Spannungsfeld steht die Ausstellung der 57 Werke von 29 Künstlern, die keineswegs reine „Glaskünstler” sind, sondern sich aus verschiedensten Gründen des Stoffes bedienen. So fängt Gunnar H. Gundersen auf dem Dach Energie mit einem Brennglas ein, Hella Santarossa hat einen Obelisken aus Scheiben aufgebaut, zwischen denen beziehungsreich Farben und Stoffe wie Kohle aufbewahrt werden.

Windschutzscheiben fügt der Niederländer Carel Visser zu Bodenskulpturen, Barry Le Va faszinieren zerbrochene Glasscheiben, Heinz Mack die spiegelbildlich eingefangenen Fragmente der Wirklichkeit in scharfen Glasscherben, Bert Frijns die fragile organische Form gläserner Gefäße.

Die ganze Vielfalt an Glasqualitäten und Bedeutungsebenen zwischen Transparenz, Bewahrung und Zerbrechlichkeit führt die Schau, die über das ganze Haus verteilt ist, eindrucksvoll vor Augen - Werke von Marcel Duchamp, Wolf Vostell, Mario Merz, Luciano Fabro, Tony Cragg, Gerhard Richter, Rebecca Horn und wie sie alle heißen

Damit aber nicht genug: „Broken Glass” zeigt im Architekturzentrum „Vitruvianum” Modelle und Aufnahmen zeitgenössischer Glasbauarchitektur, zusammengestellt von dem Aachener RWTH-Architekturhistoriker Manfred Speidel.

Das Filmhaus präsentiert in einer ganzen Reihe beziehungsreiche Streifen wie Hitchcocks „Das Fenster zum Hof” (13. Oktober, 20 Uhr) und Werner Herzogs „Herz aus Glas” (15. Oktober, 20 Uhr), „Glastöne” präsentiert das Damenensemble Electra New Music (25. September, 11.30 Uhr), ebenso der französische Glasharmonikerspieler Thomas Bloch (2. Oktober, 11.30 Uhr).

Der Experte Stef van den Hof hält einen Vortrag zum philosophischen Thema „Transparenz als Schreckgespenst und Ideal” (27. September, 20 Uhr), der Essayist Cyrille Offermans erzählt eine Geschichte zum Thema „Glas und Architektur” (11. Oktober, 20 Uhr), neun Studenten bestreiten eine Kulturnacht (13. Oktober, 22 Uhr) mit Kabarett, Musik und Tanz und und und.

Das 175-seitige Buch zum Projekt behandelt das Thema „Glas in Kunst und Architektur” (Herausgeber und Mitautor Wolfgang Becker) pionierhaft profund.

Ein Programmheft gibt einen umfassenden Überblick über alle Veranstaltungen von „Broken Glass”, das den Heerlener Glaspalast nach Wolfgang Beckers Wünschen zumindest vorübergehend zu einer Art „Centre Pompidou der Euregio” machen soll.