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Autor Willi Achten über das Schreiben in Zeiten von Corona: „Eine andere, eine trügerische Sonne“

Autor Willi Achten über das Schreiben in Zeiten von Corona : „Eine andere, eine trügerische Sonne“

Genau in den Tagen, als die Corona-Krise Fahrt aufnahm, kam Willi Achtens neuer Roman „Die wir liebten“ heraus. Zum ersten Mal hat der Vaalser ein Buch im Münchner Piper-Verlag veröffentlicht. Wie das Schreiben in Zeiten von Corona klappt, beschreibt ­Willi Achten (62) im Interview mit unserer Redakteurin Andrea Zuleger.

Sie gelten als Aachener Autor, wohnen aber seit fast 30 Jahren in Vaals. Haben Sie sich vorgestellt, dass man als Grenzgänger noch einmal in die Situation kommt, dass man nicht weiß, ob man rüberkommt?

Willi Achten: Überhaupt nicht. Im Dreiländereck sind einem Grenzen kaum mehr bewusst. Jetzt ist mit einem Schlag alles anders. Noch nicht so sehr in der Wirklichkeit als vielmehr in der Vorstellung. Die Grenze zu den Niederlanden ist ja noch offen, aber ich habe schon darüber nachgedacht, wie ich im Fall der Fälle über eine kleine Grenze komme.

Eine Art Schmugglerpfad?

Achten: So könnte man es sagen. Ein Weg, über den ich käme, wenn die Grenzen geschlossen wären. Es gibt ja viele Ängste, zum Beispiel, dass ich krank würde und dann nicht in ein deutsches Krankenhaus kann.

Gehen die Niederländer anders mit der Angst vor dem Virus um? Wie empfinden Sie das in Vaals?

Achten: Ich empfinde sie als sorgloser, und das macht mir Sorgen. Am Sonntag waren hier noch Geschäfte offen, es gab nicht den empfohlenen Abstand zwischen den Menschen. Da merke ich, dass ich die deutsche Variante besser finde, dass es mir angemessener erscheint.

Ihr neues Buch „Die wir liebten“ ist gerade im Piper-Verlag erschienen, nur wenige Tage, bevor uns Corona so gefährlich nah kam. Welche Auswirkungen hat das für Sie?

Achten: Die Leipziger Buchmesse stand in den Startlöchern, der Kontakt zu Buchhändlern und anderen Autoren wird dort gepflegt. Die ersten Reaktionen von den Buchhändlern auf mein Buch waren sehr gut, teilweise sogar euphorisch, der Verkauf startete vielversprechend. Dann wurde die Messe abgesagt. Das war einfach bedauerlich. Aber dennoch wusste ich, dass es notwendig ist. Die Enge dort, die Hitze in den Hallen, die Menschenansammlungen…

Wie war es mit den Lesungen?

Achten: Das hat mich dann wirklich getroffen, die Lesungen sind enorm wichtig für einen Autor, um mit Lesern ins Gespräch zu kommen und auch um Bücher zu verkaufen. Ich hatte viele Lesungen geplant, zunächst in der Nähe; in Köln und Düsseldorf, in meiner Heimat­region am Niederrhein, hier in Aachen. Alles abgesagt, das war schon wie eine Notbremse bei voller Fahrt. Einfach traurig.

Wie haben Buchhändler, der Verlag, die Buchmesse darauf reagiert?

Achten: Die Frage ist, wie sie es noch schaffen, die Leser auf Bücher aufmerksam zu machen. Das geht ja alles nur übers Internet. Die Buchhändler haben schnell reagiert und ihren Online-Verkauf angekurbelt. Man muss versuchen, trotzdem die Leser auf die Neuerscheinungen aufmerksam zu machen, ich meine jetzt nicht nur mein Buch.

Musiker machen Wohnzimmerkonzerte … Das könnten Sie als Autor doch auch machen. Zeit für Bücher haben die Menschen ja jetzt eher mehr.

Achten: Ja, das stimmt. Aber über Lesungen muss ich mal mit den Buchhändlern sprechen. Die Frage ist aber auch, ob Menschen jetzt tatsächlich mehr lesen würden. Ich weiß nicht, ob für andere Themen außer Corona gerade Platz ist.

Wie ist es denn bei Ihnen? Schreiben Sie?

Achten: Ja, das ist in der Tat so, dass ich mich jetzt direkt an einen neuen Roman gesetzt habe. Aber ob die Idee tatsächlich trägt, weiß ich noch nicht. Außerdem bin ich ja auch noch Lehrer und habe da mit schulischen Aufgaben einiges zu tun. Wenn ich die zwei Sachen nicht hätte, fände ich es schwierig, meine Tage zu füllen. Aber auch in meinem Kopf nimmt Corona derzeit den größten Raum ein.

Inwiefern?

Achten: Na ja, ich sitze hier an meinem Schreibtisch und schaue durch das Fenster auf diese niederländische Hügellandschaft. Normalerweise joggen da Leute, fahren mit dem Fahrrad und gehen spazieren. Das kommt mir viel weniger vor. Ich muss die ganze Zeit an „Die Wand“, den Roman von Marlen Haushofer, denken, in dem eine Frau eine vollkommene Isolation durch eine unsichtbare Wand erfährt.

Aber zu einer anderen Zeit hätten Sie die Landschaft, die sie gerade beschrieben haben, als vollkommen idyllisch empfunden. Hat das Virus durch diese innere Stimmung Auswirkungen auf das Schreiben? Und auf die Sprache generell?

Achten: Sehr große. Im Alltag ist es ja jetzt schon so, dass sich junge Menschen derzeit Gesundheit wünschen, obwohl das für sie ja eigentlich der Normalzustand ist. Es wird bestimmt in einer gewissen Zeit einige Romane geben, die sich mit Corona beschäftigen, vielleicht auch auf eine subtile Art und Weise. Ich würde am liebsten auch sofort loslegen, aber ich misstraue dem Thema, denn mit dem jetzigen Wissen hat man nicht genügend Distanz. Aber ich übertrage diese innere Gestimmtheit auf die Außenwelt. Die Sonne scheint zwar wunderbar, aber es fühlt sich an wie eine andere Sonne, vielleicht eine trügerische. In alles, was man jetzt schreibt, wird diese Erfahrung einfließen. Es ist einfach ein epochales Erlebnis, so viel ist klar, auch wenn wir nicht wissen, wie die Sache weitergeht.

Sie sind nicht besonders optimistisch, oder?

Achten: Ich habe derzeit Bücher im Kopf, die mich an solche Szenarien erinnern. „Der Tod in Venedig“ von Thomas Mann, „Die Pest“ von Albert Camus. Und vor allem „Die Straße“ von Cormac McCarthy. Das ist mit Abstand der dunkelste Ausblick. Ein Roman, der beschreibt, wie die Menschheit in einem absoluten Alptraum versinkt. Die Katastrophe besteht in der vollkommenen Verrohung der Gesellschaft.

Ihr Blick wird ja immer düsterer…

Achten: (lacht) Darauf kann ich nur mit Bob Dylan antworten – ich bin wahrscheinlich weltweit sein größter Fan: „Wenn du glaubst, dass du alles verloren hast, stellst du fest, dass du immer noch ein bisschen mehr zu verlieren hast.“

Würden Sie heute lieber auf der anderen Seite der Grenze wohnen?

Achten: Ja, derzeit schon!