„Stille Nacht, heilige Nacht“: Ein Lied geht um die Welt

„Stille Nacht, heilige Nacht“ : Ein Lied geht um die Welt

Stille Nacht, heilige Nacht!“ – schon diese kleine Liedzeile reicht aus, um die Erinnerung an seine schlicht schwingende Melodie zu wecken, an das Weihnachten der Kinderzeit, an Tannenduft und gemeinsames Singen bei der Christmette, an tiefe Gefühle.

Seit 200 Jahren rührt das vermutlich bekannteste Weihnachtslied der Welt, das nur an Heiligabend gesungen wird, die Menschen, man singt es in rund 300 Sprachen und Dialekten von Bretonisch („Sioul an noz, santel an noz“) bis Estnisch („Püha öö“) und Grönländisch („Juullimi qiimasuttut“), allerdings selten alle sechs Strophen. Üblich sind in der „geglätteten“ Fassung die erste, zweite und sechste Strophe.

Im ersten Weltkrieg erklang es 1914 als wehmütige Friedensbotschaft aus den Schützengräben an der Westfront in Flandern. Die Folge: Verbrüderungen solcher Art wurden bei Todesstrafe verboten.

Das hätten der junge Hilfspriester Joseph Mohr aus Mariapfarr im Salzburger Lungau und der Lehrer, Musiker und Komponist Franz Xaver Gruber nicht gedacht. Bereits 1816 hatte der Geistliche das tröstliche Weihnachts- und Friedensgedicht geschrieben vom „holden Knaben im lockigen Haar“, von „Christ, dem Retter“, das er dem musikalisch talentierten Lehrer Gruber in Oberndorf bei Salzburg zwei Jahre später zur Vertonung gab.

Mit der Gitarre an der Krippe

Eine „Tirolerin“ mit Bart: Die Rainer Family, eine Sängergruppe aus Tirol, war in Amerika extrem erfolgreich. Als sich die Sängerin der Gruppe verabschiedete, weil sie heiratete, fürchtete man einen Imageschaden, denn die hübschen Tirolerinnen waren beliebt. Kurzerhand wurde ein junger Mann ins Gewand gesteckt. Foto: sabine rother

Es kam gerade recht: In der St. Nikola-Kirche von Oberndorf erklang das Lied am 24. Dezember 1818 zum ersten Mal. Die Orgel war defekt, heißt es. Joseph Mohr griff zur Gitarre und sang nach dem Gottesdienst an der Krippe zusammen mit Gruber und der bewegten Gemeinde – die Geburtsstunde eines Phänomens, das bis heute wirksam ist. Durch den Zillertaler Orgelbauer Carl Mauracher kam das Lied kurze Zeit später nach Tirol, wo sich Anfang der 1830er Jahre so etwas wie ein Tiroler Nationalsängertum formierte.

Es gibt frühe Stars in fescher Tiroler Tracht, mit denen das Lied, das 2011 in die Liste des immatriellen österreichischen Kulturerbes der Unesco aufgenommen wurde, in die Welt ging und überall aufhorchen ließ – durch die Geschwister Strasser etwa oder die Rainer-Sänger. Aber da war „Stille Nacht, heilige Nacht!“ noch längst nicht berühmt, häufig sogar nur ein gefühlvoller Titel auf dem Zugabenzettel.

Die weltgrößte „Stille Nacht, heilige Nacht“-Schallplattensammlung: Im Heimatmuseum Fügen gibt es Tonaufnahmen in zahlreichen Sprachen vom Weihnachtslied-Klassiker. Franz Margreiter ist Archivar des Museums und kann eine Menge erzählen. Foto: sabine rother

200 Jahre: Ein Jubiläumjahr, das die Kulturschaffenden in Österreich zu Höchstleitungen und erstaunlichen Ideen anspornt. Der Tourismus Salzburger Land hat Reiserouten zu Orten entwickelt, die mit dem Lied, seiner Entstehung und Verbreitung zu tun hatten, ein Musical ging in der Salzburger Felsenreitschule als „Meine stille Nacht“ von John Debney über die Bühne, Theaterstücke und regionale Historienspiele erzählen die Geschichte, man gründete eine Stille-Nacht-Gesellschaft, die bis heute forscht, ergründet und unter anderem die unterschiedlichen Liedfassungen und -drucke zusammenträgt – alles auch online nachzulesen auf der Jubiläums-Webseite www.stillenacht.com.

In den Bundesländern Salzburg, Tirol und Oberösterreich gibt es nun 13 „Stille-Nacht-Orte“, an denen Aktivitäten rund um das Weihnachtslied stattfinden, eine Landesausstellung „200 Jahre Stille Nacht! Heilige Nacht!“ zeigt noch bis zum 3. Februar in sieben Orten ein bemerkenswertes Spektrum, das von der friedensstiftenden Kraft des Werkes bis zum historischen Umfeld und dem Einfluss Tirols auf die Unterhaltungsindustrie durch Filme wie „Mein Schatz ist aus Tirol“ mit Joachim Fuchsberger reicht.

Zeitgenössische Darstellung der beiden „Väter“ des berümten Weihnachtslieds: Pfarrer Joseph Mohr (links) hat den großen Erfolg nicht mehr erlebt, Franz Xaver Gruber, der Mohrs Gedicht vertonte, konnte 1854 das Geheimnis um dessen lange Jahre unbekannte Herkunft lüften. Foto: zva/rother

Da kann man rasch den Überblick verlieren, wirkt das innige Lied vom gigantischen Programm nahezu bedrängt. Der frühzeitig erkannte Friedensgedanke hat sich mit dem Franz-Xaver-Gruber-Friedensweg manifestiert: In Hochburg-Ach, der Heimatgemeinde des Komponisten, können die Besucher eine Geschichtsstunde der besonderen Art erleben. Der Tiroler Bildhauer Hubert Flörl (Jahrgang 1960) schuf sechs geschwungene abstrakte Bronzen, die als symbolische Reise durch alle Erdteile wie Engelsflügel die einzelnen Strophen des Liedes an sechs Stationen präsentieren. Gleichzeitig erfährt man, was zur Zeit der Entstehung des Liedes in den jeweiligen Erdteilen gerade geschah. Der besinnliche Themenweg beginnt beim Gruber-Haus und führt durch die angrenzenden Felder und Wiesen.

Heimlich Orgelunterricht

Alles begann sehr still und bescheiden, ohne große Worte oder Kunstwerke: Niedrig sind die Stuben hinter der Fassade aus dunklem Holz mit den kleinen Fenstern, die das Gruber-Gedächtnishaus prägen. Im Nachbau eines Bauernhauses aus dem 18. Jahrhundert kann man ihn sich vorstellen, den Sohn eines Leinenwebers, der hier mit Eltern und fünf Geschwistern ärmlich lebte. Auch er sollte Weber werden, doch ein Volksschullehrer entdeckte das Talent zum Musiker und Komponisten.

Heimlich erhielt Gruber Orgelunterricht, endlich die Lehrerausbildung und eine Stelle als Lehrer, Mesner und Organist in Arnsdorf und Oberndorf, Ort der späteren Uraufführung von „Stille Nacht, heilige Nacht“. Für das Weihnachtslied hat er später noch ein Orgelarrangement geschrieben.

Der gerade 30-Jährige traf den damals 24-jährigen Joseph Mohr als Hilfspriester 1817 in Oberndorf. Das Vorbild für dessen blondgelocktes Christkind im Lied war vermutlich ein Gemälde, das in der Kirche des Wallfahrtsortes Mariapfarr hing, Heimatort der Familie Mohr. Den Text hatte er damals bereits in der Schublade. Mohr war unkonventionell. Er wusste, was Elend war: Unehelich als Sohn einer Strickerin geboren, erhielt er damals den Salzburger Scharfrichter Joseph Wohlmut zum Taufpaten, der seinen Ruf durch diesen „Kirchendienst“ aufbessern wollte.

Ärmliche Verhältnisse: Blick in eine typische Tiroler Bauernstube, wie man sie etwa im Strasserhäusli in Hippach erhalten hat. Die Menschen waren gezwungen, als Händler auf Wanderschaft zu gehen, um dazuzuverdienen. Gleichzeitig brachten die Tiroler den Gesang mit. Das förderte das Geschäft. Foto: sabine rother

Mohr galt als Priester der Armen, hatte Spaß daran, mitten unter den Leuten im Wirtshaus zu sitzen, zu plaudern und zur Gitarre zu singen – „oft nicht erbauliche Lieder“, wie man dem jungen Sozialreformer vorwarf. Sein Vorgesetzter wollte ihn deshalb sogar loswerden und forderte eine Überprüfung durch das erzbischöfliche Consistorium in Salzburg. Doch alles ging gut. Den Siegeszug ihres gemeinsamen Weihnachtsliedes hat Joseph Mohr nicht mehr erlebt. Gruber konnte sich über die Anfänge der Popularität noch freuen.

Tränen in den Augen

Oder war er erstaunt? Als man ihn 1854 um eine „Authentische Veranlassung“ zur Urheberschaft bat, hatten die Menschen in New York längst Tränen in den Augen, wenn sie „Silent Night“ hörten – und dachten, es sei ein amerikanisches Volkslied. König Friedrich Wilhelm IV. von Preußen bat für seine Hofkapelle in Salzburg beim Stift St. Peter um eine Abschrift des Werkes, das er Michael Haydn zuschrieb. Durch Zufall stieß man jedoch bei den Nachforschungen auf den in Hallein lebenden Franz Xaver Gruber, der alles aufklärte.

Zu dieser Zeit hatte längst eine folgenreiche Parallelentwicklung stattgefunden: Hunger und Elend, ganz besonders im Winter, zwangen viele Bauern aus dem Zillertal dazu, sich als Wanderhändler auf den Weg zu machen. Sie hatte in Heimarbeit handgewebte Tischdecken, Kräuter, fein genähte Handschuhe und Dinge für den Haushalt in der „Kraxe“, einem Tragegestell auf dem Rücken. Mit ihrem Dialekt, bunten Trachten, lustigen Volksliedern und guter Laune waren sie überall willkommen. Das Lied „Stille Nacht, heilige Nacht“ wanderte mit.

Es entwickelte sich das Tiroler Nationalsängertum. Der Gesang brachte bald mehr ein als der Warenhandel, europäische Fürsten- und Königshöfe schickten Einladungen. Durch den Orgelbauer Carl Mauracher aus Fügen kam schließlich das Lied vom Salzburger Land ins Zillertal. Prominente Ensembles wie die Geschwister Strasser (Fügen) und die Rainer-Sänger aus Hippach nahmen „Stille Nacht, heilige Nacht“ mit durch Europa, nach Amerika und Russland. Die Rainer Family sang das Lied, das 1833 erstmals gedruckt unter dem (falschen) Titel „ächtes Tyroler Lied“ erschien, 1839 am Hamilton Denkmal vor der Trinity Church in New York. Missionare brachten das als Kirchenlied anerkannte Werk schließlich in die entferntesten Winkel der Welt.

Die Geschichte des Liedes hat viele Orte, zum Beispiel das Strasserhäusl in Hippach das den Besucher in die Zeit der mühsamen Heimarbeit abtauchen lässt, die Gedächtniskapelle in Oberndorf, das Stille-Nacht-Museum Hallein mit dem Nachlass Grubers. Im Heimatmuseum in Fügen steht man staunend vor Landkarten mit den Reiserouten der Tiroler Sänger und vor einer bunten Wand aus Schallplattenhüllen: Ob Harry Belafonte oder Placido Domingo, Freddy oder Peter Alexander, arabische, afrikanische und chinesische Sänger im künstlichen Flockenwirbel – hier gibt es die weltgrößte Stille-Nacht-Schallplattensammlung, in die man per QR-Code sogar hineinhören kann. Wie ein Chor aus singenden Mäuschen klingt dabei die Version von Hawaii. Ein Lied ging um die Welt. Und lebt weiter, bis heute.