Ein Hausbesuch in der Panzerhalle von Paul Panzer in Kerpen

Kerpen : Hausbesuch bei Paul Panzer: Fernsehstar verliert die Bodenhaftung nur als Pilot

„Wie verbleiben wir denn jetzt...?“ Während andere TV-Comedians gelackt über den roten Teppich stolzieren und im VIP-Bereich Schampus schlürfen, hockt er lieber im Kapuzenpulli in der eigenen Werkstatt. Hier geht‘s auch heiß her. Aber er schwitzt nicht, er schweißt.

Und hat gut Lachen: Paul Panzer, als Dieter Tappert am 8. Januar 1972 in Düren geboren, hat die Halle — die übrigens auf mehreren hundert Quadratmetern ohne Bühne auskommt — Panzerhalle getauft.

Hausbesuch im Hauptquartier. Hier hängen keine Hochglanzposter des Stand-up-Comedians an der Wand, flimmern keine Videoclips der ungezählten Fernsehauftritte auf riesigen Flatscreens. Und auch Trophäen wie den deutschen Comedy-Preis, den er 2006 erhielt, sucht man vergeblich. Hier ist alles bodenständig, bescheiden. Industriell, viel Metall, Holz, verdammt lässig. „Vintage-Style“ nennt man das. Alles selbst gemacht — sogar die eisernen Fensterrahmen. Kein Witz.

Der Mann ist eben Profi: Tappert hat eine Lehre als Schweißer absolviert, dann Musik und Medienpädagogik studiert. Heute schweißt er bunte Stühle, dann bekommt ein — klar — echter Panzerschrank einen neuen Anstrich. Alles auf alt gemacht. Genau wie das selbst aus Metall gegossene Typenschild. „Die Firma habe ich erfunden“, lacht er. Ein komisches Hobby mitten in einem unscheinbaren Industriegebiet. Fernab der nächsten Glamour-Gala. Zwischen Geburtsort und Wahlheimat Köln, kaum 60 Kilometer von der ersten Bühne entfernt, die er eigentlich nie betreten wollte.

Scherzanrufe für 100'5 als Karrierestart

Als seine Karriere begann — mit Scherzanrufen für Sender wie 100'5 Das Hitradio —, schien ihm schon die kleinste Bühne zu groß. Damals: Mit seiner Figur Paul Panzer — mit „sch“-Sprechfehler, „Rrrichtig“ und „Panzer, ich begrüße Sie“, kletterte er nach der Jahrtausendwende zum ersten Mal in der Aachener Diskothek Starfish ins Rampenlicht. Oder eher dahinter. Das war auch in einem Gewerbegebiet, direkt neben dem Schlachthof. 14 Jahre ist das her. Trotz 800 Scherzanrufen und enormer Popularität traute er sich bei seiner Live-Premiere 2003 nicht direkt vor die Zuschauer, sondern trat nur hinter einer Schattenwand live auf. Die Zuschauer sahen nur Umrisse und hörten Panzers markante Stimme bei dessen Telefonstreichen. Keiner kannte Panzers Gesicht. Kein direkter Kontakt.

„Ich war unsicher; wusste nicht, ob das alles so ankommen würde“, blickt er zurück. Heute füllt er spielend die größten Hallen quer durch Deutschland, etwa die Lanxess-­Arena in Köln mit 12.000 Fans. Am Wochenende Aachen, im Februar zwei Mal Düren. 100 Shows spielt er pro Jahr. „Nein, ich bin heute nicht mehr aufgeregt vor meinem Zwei-Stunden-Programm. Ich erinnere mich noch gut, wie ich mich damals vehement gegen die Bühne gewehrt habe, mich verstecken wollte. Aber die Selbstzweifel, diese Suche nach Perfektion — das ist immer geblieben. Ich bin ungeduldig und nie zufrieden mit mir“, sagt Panzer alias Tappert.

In Panzer ist mehr Tappert drin, als mancher vermuten würde. Er selbst spricht von einer Art „Grundmelancholie“, die ihn — der auf der Bühne doch so spontan und erfrischend witzig rüberkommt — ein Leben lang begleitet.

Paul Panzer schreibt jedes Programm selbst

Der Dürener hat die Figur erfunden, entwickelt, schreibt alle Texte selbst. Vom Durchbruch „Heimatabend Deluxe“ bis hin zum aktuellen, schon sechsten Programm „Glücksritter ... vom Pech verfolgt“. Das Bühnenbild, eine martialische Burgmauer nebst sieben Meter hoher Panzer-Steinstatue (die nur mit einem Sattelschlepper von Spielort zu Spielort bewegt werden kann), entwirft er selbst und baut es — natürlich — in der eigenen Werkhalle.

Da ist zudem Platz für eine Theke, für vier eigens gestaltete „Bunker“ im Metalllook: Büros, Tonstudio, Badezimmer — alles da, alles selbst gemacht. „Ich mag das total. Denn anders als auf der Bühne erschafft man hier handwerklich etwas wirklich Nachhaltiges — etwas, das echt bleibt.“

Apropos bleiben: Tappert schlüpft nicht in die Rolle Paul Panzer. „Paul ist für mich keine Kunstfigur, sondern eher ein Bruder“, bekennt er. „Wenn man die Schlafzeit abzieht, bin ich jeden Tag länger Panzer als Tappert — bloß dass ich nur einen Körper habe“, lächelt er. Zieht die Hornbrille an, schlüpft in das knallbunte Blumenhemd. Fertig.

Zu Paul Panzer auf der Bühne gehört längst mehr als die (imaginären) weiteren Charaktere: Ehefrau Hilde, Sohn Bolle, Tochter Susaka und Nachbar Latz. Mit bemerkenswerter Naivität beleuchtet Panzer — durchaus visionär und geradezu philosophisch feinsinnig auf der zweiten Ebene — als vermeintlicher Glücksritter die Suche nach demselben. Auch besteht der Witz in der erzählerischen Dramaturgie der geschilderten Beobachtungen und Lebensweisheiten. „Die Pointe ist da letztlich nur das Sahnehäubchen“, sagt er. Er macht in letzter Zeit fast mehr Kabarett als Comedy. Tappert und Panzer entwickeln sich weiter. Kurze, knackige Gags sind beiden zu billig. Das sollen andere machen. „Rrrichtig“ hat er aus seinem Bühnenwortschatz gestrichen. Obwohl der Lacher immer sicher war. Zu einfach eben.

„Fernsehen machen finde ich doof“

Im Fernsehen — sogar im Kino — sieht man Paul Panzer neben anderen A-Promis wie Mario Barth, Kaya Yanar & Co. Den Ausflug ins Filmfach („Männersache“) würde er wohl so schnell nicht wiederholen. Zu viel Warterei auf Beleuchter und Kameratechnik, zu kompliziert — zu langweilig die Warterei am Set. Eigentlich verachtet er das Fernsehen. Regelmäßig ist er bei Sendungen der Comedy-Kollegen Star-Gast, bei anderen ist er selbst der Stargastgeber — „Paul Panzers 33“ und „Stars bei der Arbeit“ zum Beispiel.

Aber: „Fernsehen machen finde ich doof, einfach zu viele wichtige Leute da“, erzählt Tappert. In solchen Momenten verdreht seine Managerin die Augen. Aber Tappert — der langwierige Dreharbeiten und Proben hasst — legt nach: „Ist doch wahr. Es gibt einfach zu viele Sender, zu viel Schrott. Die sollten täglich ab 22 Uhr ein Testbild zeigen, damit sich die Leute noch mal ein Buch nehmen müssen. Das wäre_SSRqs doch!“

Trotzdem kennt Tappert natürlich die Bedeutung für Panzer: „Du musst national präsent sein, sonst kannst du nicht deutschlandweit die Hallen füllen. Das geht nur übers Fernsehen“, bekennt er. „Auch wenn ich lieber einen Fensterrahmen schweiße, als vor der Kamera zu stehen.“ Nur sein Livepublikum liebt er. „Dieser direkte Kontakt, den habe ich echt lieben gelernt. Wenn die Bude kocht, dann ist das das Größte“, strahlt er. Obwohl: Da ist ja noch sein zwölfjähriger Sohn. „Der ist natürlich das Allergrößte!“ Und die Fliegerei. Weil die Karriere läuft, konnte er sich kürzlich einen Kindheitstraum erfüllen. „Ich hab' mir eine alte Propellermaschine gekauft. Und das Ding fliegt — fantastisch.“ Panzer, der Pilot. Abgehoben wird nur im betagten Flieger. Auch irgendwie Vintage. Der Rest bleibt greifbar, Heimat verwurzelt.

Und falls ihm demnächst keine Bühnenshow mehr einfällt, keine Gedanken mehr sprudeln? „Dann fahre ich nach Neuseeland und werde Postflieger“, sagt der 45-Jährige. Dann erfindet sich Dieter Tappert wieder neu. „Das meine ich ernst“, sagt er. Und seine Managerin fragt ganz ernsthaft: „Und wie verbleiben wir denn jetzt...?“

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