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Aachen: Ein „Freischütz”-Kleid braucht 124 Meter Rüschen

Aachen : Ein „Freischütz”-Kleid braucht 124 Meter Rüschen

„Eine ganz entscheidende Frage ist zum Beispiel: Wie bekommt man das Theaterblut wieder aus der weißen Bluse heraus?”, lacht Damen-Schneiderin Karin Windeck vom Theater Aachen über die alltäglichen Probleme.

Schnell wird deutlich, dass es mit dem „Kleider nähen” bei diesem Theaterberuf natürlich nicht getan ist und viele Faktoren und Fragen beim Entstehen der schönen Roben mitspielen.

Der Fertigungsprozess beginnt beim Kostümbildner beziehungsweise der Kostümbildnerin. Sie liefern ihre Vorstellung der Kostüme als „Figurine” ab, das sind Vorlagen entweder in Form einer Menschen am Theater

Skizze oder eines Bildes. Die Figurine werden dann von der Gewandmeisterin danach beurteilt, ob und wie das Projekt zu bewältigen ist.

„Faktoren wie Aufwand, Kosten und generell Umsetzbarkeit sind hier entscheidend”, erklärt Win-deck, die am Aachener Theater nicht nur für die Damen-Garderoben, sondern auch für die Ausbildung des Nachwuchses zuständig ist.

„Ich bin seit mittlerweile 1982 in Aachen, habe am Theater selbst meine Ausbildung gemacht”, erzählt sie. Nun gibt sie ihr Wissen an ihre Auszubildende Johanna Soltau weiter.

Insgesamt gibt es 19 Schneiderinnen und Schneider am Theater, säuberlich getrennt nach Herren- und Damenschneiderei. Dazu kommen zwei Gewandmeisterinnen, eine Gesamtleiterin, zwei Azubis und ein Putzmacher für Accessoires wie Hüte, Taschen und so weiter.

„Die Arbeit hier kann man fast nicht mit dem Beruf des Schneiders vergleichen. Bei der Zauberflöte haben wir zum Beispiel die gesamte Kulisse genäht und natürlich ist jedes Kostüm ein echtes Meisterstück - von uns mit viel Liebe gemacht”, schwärmt sie - klar, dass es sie da ärgert, wenn in der Hektik von bei Proben oder Aufführungen nicht sorgfältig genug mit den Kostümen umgegangen wird.

„Aus diesem Grund sind die Kleider besonders robust - ganz wichtig ist nämlich die Haltbarkeit”. Schließlich müssen sie viele Aufführungen überstehen. Schon allein aus diesem Grund muss die komplette Rolle des Schauspielers mit in die Planung einbezogen werden.

„Die Anforderungen an die Rolle müssen mit dem Material und dem Schnitt übereinstimmen”, erklärt Johanna Soltau, die mittlerweile im dritten Ausbildungsjahr ist und am liebsten natürlich am Theater Aachen bleiben möchte.

Für den Fall, dass alle Stricke reißen, sind aber auch immer einige Schneiderinnen, die Ankleiderinnen, im Abend-Notdienst bei den Aufführungen dabei. Im Moment arbeiten die Damen- und Herrenschneider an den nostalgischen Kostümen für den „Freischütz”.

„Dafür werden allein 26 Damenkleider benötigt, größtenteils sehr aufwendige Modelle mit viel Spitze und Rüschen”, erklären die beiden. Für ein Kleid mussten dabei allein 124 Meter Rüschen verarbeitet werden.

„Ich schätze, dass die maßgeschneiderte Fertigstellung eines Kleides insgesamt rund 30 Stunden in Anspruch nimmt”, überschlägt Windeck die einzelnen Arbeitsschritte bis zur so genannten „Ama”, der Probe „Alles mit allem”, eine Woche vor der Premiere.

Bei letzterer bekommt dann endlich auch das Publikum die tollen Kostüme zu Gesicht.