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Köln: Ein Brunnen aus Salamischeiben: Museum Ludwig zeigt Dieter Roth

Köln : Ein Brunnen aus Salamischeiben: Museum Ludwig zeigt Dieter Roth

Kunst ist Leben, Leben ist Kunst. Dieter Roth hat an diese Maxime nicht nur geglaubt, er hat sie verkörpert.

Mit „Roth-Zeit - Eine Dieter Roth Retrospektive” stellt sich das Museum Ludwig in Köln der keineswegs leichten Aufgabe, das überbordende, aber teils kaum bekannte Schaffen des Künstlers einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

Was zuvor im Schaulager Basel zu sehen war, bietet bis 11. Januar 2004 einen ersten umfassenden Überblick nach dem Tod von Dieter Roth. Gezeigt werden rund 280 Exponate.

1997, ein Jahr vor seinem Tod, trat Dieter Roth ein letztes Mal mit „Solo Szenen” in die Öffentlichkeit.

128 übereinander angeordnete Monitore spielen zeitversetzt ebenso viele Videobänder ab, auf denen der Künstler beim Essen, Schlafen und Arbeiten zu sehen ist, im Atelier, im Bad oder am Klavier. 128 Videohüllen - kanariengelb wie Reclamhefte - stehen Seite an Seite vor der Monitorwand in einem Regal.

Roth war bildender Künstler, Lehrer und Musiker. Er drehte Filme, gestaltete Bücher und baute Möbel, kreierte Stoffe, Schmuck und eine eigene Sprache.

Seine an Besessenheit grenzende Schaffenskraft illustriert das Projekt „Flacher Abfall” (1975-1976): Ein Jahr lang sammelte er täglich jedes Stück Abfall, das nicht dicker als vier Millimeter war, packte es in eine Klarsichthülle und heftete sie in einem Ordner ab.

Es wurden 623 Stück. Stilleben, Tuschezeichnungen und Aquarelle belegen Roths noch recht artige Anfänge. Der 1930 Geborene beginnt eine Lehre als Werbegrafiker, arbeitet aber bald als freier Künstler.

Zeitweilig lebt er mit seiner isländischen Frau in Rejkjavik. In Köln sind Ringe, Anhänger und Ohrstecker aus dieser Ära zu sehen, aber auch runde Rasterbilder, die ihre Muster durch Drehung um eine Achse verändern.

Weniger zahm geht es ab 1961 zu, als Roth Bücher von Grass, Hegel und Walser zerhäkselt, mit Fett und Gewürzen mischt, sie in Därme presst, aus ihnen „Literaturwürste” macht.

1965, als er in den USA Gebrauchsgraphik unterrichtet, praktiziert er lustvoll, was Kindern stets verboten wird: mit Lebensmitteln spielen.

Roth formt Hackfleisch zu Buchseiten, baut aus Salamischeiben einen Brunnen oder formt mit Schmelzkäse und Sandpapier eine „Kleine Landschaft”.

Obwohl all diese Exponate unter Glas gepreßt oder in Kunstharz gegossen sind, braucht man für diesen Teil der Ausstellung starke Magennerven.

Entspannung verheißen wohl duftende Skulpturen aus Schokolade oder in bunten Schichten angelegte Gewürzbilder.

Ab Mitte der Siebziger beteiligen sich Sohn Björn und Tochter Vera zunehmend an den Arbeiten ihres Vaters.

Roths Spektrum reicht von Produktionen mit Richard Hamilton („Interfaces”) über Schnellzeichnungen, Tagebücher und Postkartencollagen bis hin zu so genannten „Tischmatten”.

Jede ist ein faszinierender Mikrokosmos aus unzähligen Alltagsgegenständen, die, auf Tischplatten geklebt, mit Farbe,

Zuckerlösung oder Wachs verfremdet sind. Auch eines von Roths größten Werken, die um 1968 begonnene, mehr als 30 Meter lange „Gartenskulptur”, ist in Köln zu sehen.

Eine Landschaft aus Leitern, Treppen und Pflanzen, möbliertem Baumhaus, Werkstatt und Geräteschuppen, gespickt mit zersägten Stühlen, ausgewaideten Fernsehern und amputierten Gießkannnen. Eine Wunderwelt mit 1000 Details, die immer neu das Auge narren, verwirren und fesseln.