Duisburg: Ein Bauskandal wird nun Geschichte

Duisburg : Ein Bauskandal wird nun Geschichte

Der Plan war spektakulär, spektakulär war auch sein Scheitern. Ein riesiger Erweiterungsbau, 55 Meter lang, 29 Meter breit und 17 Meter hoch, sollte als gigantischer Leuchtkörper auf das Dach des Museums Küppersmühle gesetzt werden, halb über den Abgrund schwebend.

Daraus wurde nichts, weil das Stahlgerüst von der entsprechenden Firma so fehlerhaft geschweißt wurde, dass weitere Reparaturarbeiten sinnlos waren. Die Firma ging in Konkurs, für das städtische Immobilienunternehmen Gebag entstand ein Schaden von — wie man heute weiß — 40 Millionen Euro, es geriet in eine gefährliche finanzielle Schieflage, aus der es sich dank neuer Geschäftsführung mittlerweile wieder befreit zu haben scheint.

Sie machen die Erweiterung des Museums Küppersmühle möglich: die Erben des Wella-Konzerns, das Sammlerpaar Sylvia und Ulrich Ströher mit ihrer Tochter Tina, hier bei der Eröffnung der Duisburger Ausstellung zum 100. Geburtstag von Karl Otto Götz am 20. März 2014. Foto: imago/biky

Fast zwei Jahre lang rostete das Stahlgerippe wie ein Mahnmal neben dem Museum vor sich hin. Die Wende kam 2013, als das Sammlerehepaar Sylvia und Ulrich Ströher das Museum übernahm, um selber für die Erweiterung zu sorgen. Bemerkenswert war dabei, dass die Ströhers an den Architekten festhielten, die den als „Schuhkarton“ bespöttelten Erweiterungsbau konzipiert hatten. Es handelt sich um das international bekannte Büro Herzog & de Meuron, das viel gerühmt wurde, weil es das ehemalige Speichergebäude aus dem Jahr 1912 in ein einzigartiges Museum für moderne Kunst verwandelt hatte.

Die Architekten geben, so hieß es 1999 bei der Eröffnung, ein Paradebeispiel für eine faszinierende Gebäudeumgestaltung. Herzog & de Meuron sind auch die Architekten der Elbphilharmonie.

Als die neuen Erweiterungspläne vorgestellt wurden, war das Staunen groß. Der neue Gebäude-Entwurf war eine glatte Kehrtwende zum ersten Erweiterungskonzept, bei dem Alt und Neu als leuchtender Gegensatz die architektonische Pointe war. Hieß die alte Devise „weithin sichtbar“, so heißt die neue „weithin unsichtbar“, denn der neue Baukörper am Kopf des Museums soll wirken, als habe er dort schon immer gestanden. Die Architektur wurde vom Kopf auf die Füße gestellt, aus dem buchstäblichen Leuchtturmprojekt wurde ein solider Anbau; eine ebenerdige Verlängerung des Museums Küppersmühle, die, wie man in Duisburg mit erleichtertem Herzen konstatierte, nicht an statischen Problemen scheitern kann.

Im April 2017 war die Grundsteinlegung, seitdem wurde der Anbau Geschoss um Geschoss in die Höhe getrieben. Am Sonntagabend, 28. Januar, beginnt eine neue Phase: Das Museum Küppersmühle wird für vier Monate geschlossen. In dieser Zeit wird das historische Gebäude mit dem Neubau verbunden. Die Durchbrüche führen über Brücken durch die einstigen Getreidesilos, die — wie Erinnerungsstücke an die einstige Mühlenzeit des Museums — erhalten bleiben.

Architektonisches Tüpfelchen auf dem „i“

Nicht nur das: Als architektonisches Tüpfelchen auf dem „i“ soll eine Aussichtsplattform auf den beiden Silos gebaut werden, von denen man einen weiten Blick auf den Duisburger Innenhafen hat.

Interessant ist, wie Herzog & de Meuron den „radikalen Neuanfang“ bei den Erweiterungsplänen erläutern. Sie schreiben: „Das ursprüngliche Konzept eines weithin sichtbaren, auf den Silos balancierenden Leuchtkubus wird nicht weiter verfolgt. Stattdessen reiht sich der Erweiterungsbau (. . .) in die Kette der eindrucksvollen historischen Backsteinbauten entlang des Hafenbeckens ein und komplettiert so den bestehenden Museumskomplex.“ Man sieht also, dass sich für die eine architektonische Lösung genauso gut Argumente finden lassen wie für das architektonische Gegenteil.

Indes sieht Museumsdirektor Walter Smerling, der sich „froh über den nun reibungslosen Verlauf der Bauarbeiten“ zeigt, eine Konstante bei den verschiedenen Entwürfen: Wer das dereinst erweiterte Museum besucht, wird innen kaum merken, dass das Gebäude aus einem alten und einem neuen Teil besteht. Die großzügig geschnittenen, hohen Ausstellungsräume (ideal für große Formate) wirken einheitlich. Smerling: „Optisch sieht das Museum bei den verschiedenen Plänen zwar ganz anders aus, aber inhaltlich ändert sich an unserem Ausstellungskonzept nichts.“

Durch den Erweiterungsbau gewinnt das Museum eine zusätzliche Ausstellungsfläche von 2500 Quadratmetern, das ist fast doppelt so viel wie zurzeit. In dem vergrößerten Museum ist es möglich, die großen Linien der riesigen Kunstsammlung von Sylvia und Ulrich Ströher, eine der umfangreichsten privaten Sammlungen deutscher Nachkriegskunst, zu zeigen. Die Sammlung umfasst mit mehr als 1500 Werken zentrale Positionen der Kunstentwicklung in Deutschland, von der unmittelbaren Nachkriegszeit bis in die Gegenwart. Die heutigen Bestände gehen auf die 2005 erfolgte Fusion der Sammlung von Sylvia und Ulrich Ströher (Schwerpunkt ab-strakte Nachkriegskunst) mit der ehemaligen Sammlung von Hans Grothe (Malerei und Skulptur der 1970er bis 1990er Jahre) zurück.

Viele der Sammlungskünstler gehören nicht nur in Deutschland, sondern auch international zu den wichtigsten, darunter Georg Baselitz, K. O. Götz, Jörg Immendorff, Anselm Kiefer, Sigmar Polke, Gerhard Richter, Fred Thieler oder Rosemarie Trockel. Ein Merkmal der Sammlung ist die Kollektion von kompletten Werkgruppen und nicht nur von herausragenden Einzelwerken. Bemerkenswert ist, dass die in Darmstadt lebenden Ströhers, die als Erben des Wella-Konzerns über ein Milliardenvermögen verfügen, ungeachtet des Bauskandals an dem Duisburger Museum festhielten, es übernahmen und den Anbau selber über ihre Stiftung finanzieren. Nebenbei trugen sie damit wohl maßgeblich dazu bei, dass die Gebag nicht zu Tode stürzte.

Über die Kosten des Anbaus, der nun offenbar ohne große Verzögerungen fertiggestellt wird, verlieren sie kein Wort. Der Bauskandal wird nun Geschichte.

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