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Aachen: Ein Abitur für die ganze Welt

Aachen : Ein Abitur für die ganze Welt

Diese Klausuren werden in 135 Ländern der Erde absolviert - und zum ersten Mal ist Aachen dabei. Am städtischen Gymnasium St. Leonhard stecken vier junge Leute mitten in den Prüfungen fürs International Baccalaureate (IB), das internationale Abitur.

Für Dennis Kiratli, Julia Schwartz, Celia Rocneanu und Clarissa Giebel bedeutet das: Neben ihrem ganz „normalen” deutschen Abitur ackern sie sich fürs IB in drei Wochen durch 13 Prüfungen in sechs Fächern. Und sogar am Pfingstmontag sitzen sie im Prüfungsraum.

Schließlich werden die Aufgaben für alle Länder zentral von der International Baccalaureate Organization (IBO) in Genf gestellt, und auf deutsche Feiertage kann da keine Rücksicht genommen werden. St. Leonhard in Aachen ist eine der ganz wenigen Schulen in NRW, an denen man das internationale Abitur erwerben kann. In ganz Deutschland gibt es nur 30.

2006 wurde St. Leonhard in das Programm aufgenommen. Zwei Jahre lang haben sich die vier Pioniere vorbereitet, damit sie auf internationalem Parkett bestehen können. Nach der ersten Klausur am vergangenen Dienstag - in Geschichte - haben alle erstmal tief durchgeatmet.

„Wir arbeiten in der Schule ja eher mit anwendungsorientierten Aufgaben”, sagt Julia Schwartz. Im IB werde dagegen ein sehr breites, umfassendes Wissen abgefragt. Dass die Prüfungen (bis auf die Fächer Literatur und Französisch) in englischer Sprache zu erledigen sind, ist für die jungen Leute dagegen eher ein Nebenaspekt. In Englisch sind sie alle fit.

Auch die Lehrerinnen und Lehrer, die das Quartett aufs internationale Abitur vorbereitet haben, mussten sich umstellen. „Geschichte heißt eben nicht nur Geschichte aus deutschem Blickwinkel”, erklärt etwa „History”-Lehrer Gordon Tavernier. Fürs International Baccalaureate müssen die Schüler parat haben, was an den verschiedensten Ecken der Erde passiert ist.

Zum IB gehört aber nicht nur Wissen, der Abschluss soll auch ein Stück Persönlichkeitsbildung sein. Alleine dafür haben die jungen Leute 150 Stunden im kreativen, sozialen oder sportlichen Bereich abgeleistet.

Das strikte Reglement einer internationalen Abiturprüfung ist auch für Annette Hagelstange, IB-Koordinatorin an St. Leonhard, gewöhnungsbedürftig. „Sogar der Abstand der Tische ist vorgegeben”, lacht sie. Irgendwann in diesen Tagen werden wohl auch offizielle Inspektoren aus Genf vorbeischauen und sich überzeugen, dass die IB-Neulinge an St. Leonhard alles richtig machen.

Die vollgeschriebenen Prüfungsbögen verlassen Deutschland stets direkt nach der Prüfung. Per Post werden sie an Korrektoren in aller Welt verschickt. Wie sie abgeschnitten haben, erfahren die vier Aachener Prüflinge erst in einigen Wochen. Aber schon jetzt wissen sie: Die Entscheidung fürs IB war richtig, und der ganze Stress hat sich gelohnt.

Clarissa Giebel zum Beispiel hat einen Studienplatz für Psychologie im britischen Manchester sicher - sofern sie in der Prüfung genug Punkte schafft. Die altehrwürdige Elite-Universität in Oxford hätte sie aber auch genommen. Und Clarissa ist überzeugt: „Ohne IB wäre ich da nicht rangekommen.”

Julia Schwartz und Celia Rocneanu wollen in Deutschland bleiben und Medizin studieren. Bei der Bewerbung ist das IB ein Pfund, mit dem sie wuchern werden. Für Dennis Kiratli dagegen stellt sich die Frage nach Studien- und Berufswahl noch nicht so dringend. Er muss erst mal zum Bund.