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Mönchengladbach: „Ehrenmord” oder Verzweiflungstat: Mutmaßlicher Doppelmörder schweigt

Mönchengladbach : „Ehrenmord” oder Verzweiflungstat: Mutmaßlicher Doppelmörder schweigt

„Ehrenmord” oder Verzweiflungstat? Weil ein 39 Jahre alter Mann seine Frau und seine Tochter direkt nach einem Sorgerechtstermin erschossen haben soll, muss er sich seit Montag vor dem Landgericht Mönchengladbach verantworten.

Der Türke Erol P. hat der Anklage zufolge die Frau und das Mädchen unmittelbar nach einem Gerichtstermin im März mit jeweils zwei Kopfschüssen getötet. Nach Ansicht der Nebenklage handelt es sich dabei um „Ehrenmorde”. Der aus einer konservativen islamischen Familie stammende Angeklagte habe nicht akzeptieren können, dass sich seine Frau von ihm getrennt habe, sagte die frühere Rechtsanwältin der Ermordeten. Die Verteidigung sieht die tödlichen Schüsse eher als „Verzweiflungstat”. Der Angeklagte schweigt zu den Vorwürfen.

Der Fall hatte im vergangenen März für einen Justiz-Skandal gesorgt, weil gegen den Mann zur Tatzeit bereits ein Haftbefehl vorlag. Doch obwohl die Anwältin der Ehefrau auf den Haftbefehl und die Gefährlichkeit des Türken hingewiesen hatte, war dieser als freier Mann aus dem Gerichtsgebäude spaziert - wenige Minuten später fielen an der Wohnung der Familie die tödlichen Schüsse.

Vor dem Termin hatte der Familienrichter noch die Staatsanwaltschaft alarmiert, doch es war nichts geschehen, um die Familie vor dem Mann zu schützen. Wegen etwaiger Versäumnisse hatte die Justiz wochenlang in den eigenen Reihen ermittelt, das Verfahren aber bald eingestellt. Es habe sich um eine Verkettung unglücklicher Umstände gehandelt, die eine Festnahme verhindert habe.

Die Staatsanwaltschaft sieht einen „übersteigerten Geltungs- und Machtdrang” des Angeklagten als Tatmotiv. Der 39-Jährige „sah sich in seinem Machtanspruch verletzt und entschloss sich deshalb, seine Familie zu töten”, so die Anklageschrift. Erol P. soll seine Frau und seine drei Kinder der Anklage zufolge monatelang tyrannisiert und zudem die Schwester seiner Frau vergewaltigt haben.

Die Ankläger fordern die Höchststrafe: Lebenslange Haft, Feststellung der besonderen Schwere der Schuld und die Prüfung anschließender Sicherungsverwahrung. Zwar bestreiten seine Anwälte nicht, dass Erol P. vor mehreren Augenzeugen im März die tödlichen Schüsse abgefeuert hat, es sei aber eher die spontane Verzweiflungstat eines Vaters gewesen, der vergeblich um den Kontakt zu seinen Kindern gekämpft habe.

Scheinbar unbeeindruckt lauscht Erol P., der mit kahlrasiertem Schädel im Gerichtssaal des Mönchengladbacher Landgerichts erscheint, den Vorwürfen. Er verweigerte sich einem vom Gericht bestellten Gutachter und ließ seine Anwälte für sich sprechen. Sie äußerten Zweifel am Mordvorwurf, schließlich habe ihr Mandant die Familie schon lange bedroht, die Attacke sei damit kaum als heimtückisch einzustufen. Außerdem bestünden massive Zweifel an seiner Schuldfähigkeit.

Der in Anatolien geborene Mann mit niederländischer und türkischer Staatsangehörigkeit sei schon einmal zwei Tage in eine Psychiatrie zwangseingewiesen worden, nachdem er seine Familie tyrannisiert habe. In den Niederlanden sei er auch in psychologischer Behandlung gewesen.

Der Prozess wird am 7. November fortgesetzt. Für das Verfahren sind 26 Zeugen geladen.