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Aachen: Effektvolles Feuerwerk der guten Laune

Aachen : Effektvolles Feuerwerk der guten Laune

Mit dem Humor tut sich der Deutsche oft schwer - der Aachener nicht (mehr), denn seit dem Wochenende stehen Otto Nicolais „Die lustigen Weiber von Windsor” auf den Brettern und dem Spielplan des Großen Hauses.

Der Erfolg, den der deutsche Komponist schon vor 155 Jahren bei der Uraufführung in Berlin verzeichnen konnte, war am Wochenende auch Jeremy Hulin im Orchestergraben, den Akteuren auf der Bühne und dem Regieteam unter Mascha Pörzgen beschieden.

Das begeisterte Publikum erlebte ein klares und herzerfrischendes „Ja” zum Komödiengenre, das sich mit natürlicher Leichtigkeit zu einem effektvollen Feuerwerk der guten Laune entwickelte und gespickt mit niveauvollem Charme und ästhetischen Frivolitäten beinahe den Geist eines Billy Wilder heraufbeschwor.

Weibliche Tücke

Den Anachronismus, den Otto Nicolai bereits mit der Transponierung des ShakespeareÔschen Falstaff-Stoffes in das Bürgertum seiner Zeit begangen hatte, nimmt die Regisseurin Mascha Pörzgen unverkrampft auf und überträgt die Versteckspiele um männliche Eifersucht und Eitelkeit, um werbende Liebeleien und weibliche Tücke in die gut situierte Oberschicht unserer Zeit.

Dabei pickt sie sich liebevoll und treffend genau die Typen aus unserer Gesellschaft heraus, zwischen denen die Geschichte sich heutzutage tatsächlich abgespielt haben könnte.

Da ist Sir John Falstaff, ein in die Jahre gekommener „Charmeur à la Heesters” - für Claudius Muth eine Paraderolle. Tragik und Komik halten sich in seiner unverschnörkelten Darstellung einer alten Legende gekonnt die Waage. Er orgelt seine Trinklieder nobel in den Tiefen und lässt gleichzeitig eine bewegliche Differenzierung in den dynamischen Abstufungen und der Artikulation nicht vermissen.

Sylvia Koke als eines der „Weiber”, die Sir John das Leben schwer machen, singt mit raffiniert timbrierten Koloraturen und selbstbewusst lasziver Optik eine frivol-attraktive Frau Fluth. Ihr zur Seite steht Judith Berning als eine bayrisch handfeste Frau Reich mit sinnlichem Touch, der leider die große „Herne”-Arie aus dramaturgischen Gründen gestrichen wurde.

Als ergänzender Knüller in der Gesamtinterpretation erweist sich die ästhetische Lichtregie von Eduard Joebges im geschmackvoll funktionellen Bühnenbild von Haitger M. Böken. Wunderschön farbige Häuserfronten mit sorgfältig verarbeiteten Türen und Fenstern passen sich Situationen und Stimmungen an.

Durch geschickten Einsatz der Drehbühne entstehen sowohl Zimmer, durch die der kultiviert und ausgeglichen artikulierende Hans Lydman als Herr Fluth den vermeintlichen Liebhaber verfolgen kann, als auch Gassen, zwischen denen Jaroslaw Sielicki als konservativ bebrillter Herr Reich seinen Großeinsatz im Gespensterbild zwischen unzähligen Ficusbäumchen mit seinem endlich noch mal frei strömenden, sonoren Bass zu organisieren weiß.

Zu einem stimmungsvoll kostbaren Höhepunkt avanciert das Liebesduett zwischen dem entwaffnend charmant und schlank fokussierten lyrischen Tenor von Florian Mock als Fenton und Gundula Peyerls weich und innig gestalteter Anna Reich.

Skerdjano Keraj untermalt neben dem Liebespaar stehend mit seinem Geigen-Solopart die romantisch ausgeleuchtete Szenerie, während die weiteren Freier Annas, Junker Spärlich (Andreas Joost) und Dr. Cajus (Willy Schell), als kongenial witziges Pärchen um die Aufmerksamkeit der Angebeteten buhlen, eine Situation zum Brüllen komisch, zum Seufzen schön. Was für eine hinreißende Dramaturgie mit Leiter, Fernglas und Fechtkünsten!

Jeremy Hulin hält die musikalischen Fäden zuverlässig in der Hand, lässt frisch aufspielen und vermittelt Freude an der harmonienreichen Partitur.

Wer unbedingt „beckmessern” möchte, kann das gelegentliche Fehlen von filigraner Spritzigkeit und rhythmischem Biss zwischen Orchester und homogen aufeinander abgestimmtem Chor anmerken.

Mit der vierten musikalischen Premiere der laufenden Spielzeit ist der Intendanz ein Volltreffer gelungen, der Mut zur Komödie demonstriert und unbeschwert und federleicht die Lachmuskeln aufweckt - ein musikalischer Theatergenuss für Jung und Alt.

Aufführungstermine und Karten

Oper „Die lustigen Weiber von Windsor” im Theater Aachen, weitere Aufführungstermine am 17., 19., 24., 27. März; 10., 15., 17., 29. April; 23. 28., 30. Mai; 6., 8., und 11. Juni. Karten gibt es in allen Zweigstellen unserer Zeitung, 0241/5101192.