Gelsenkirchen: Ed Sheeran spielt zwei ausverkaufte Konzerte in Gelsenkirchen

Gelsenkirchen : Ed Sheeran spielt zwei ausverkaufte Konzerte in Gelsenkirchen

Fast ganz am Ende, als das Set aus 18 Songs nach gut zwei Stunden durchgespielt ist und nur noch die Zugaben „Shape of you“ und „You need me, I don‘t need you“ fehlen, kommt Ed Sheeran mit einem deutschen Fußball-WM-Trikot bekleidet zurück auf die Bühne.

Was eine Woche nach dem Titel der Franzosen und so elendig lange nach dem gewaltigen deutschen Fußball-Desaster samt folgender Depression etwas sorglos ist. Aber irgendwie passt das zu diesem Abend in der Gelsenkirchener Arena. Sorglos ist ein gutes Wort, und eigentlich ist es ja auch eine Qualität.

Einer der größten Popstars dieser Tage: Ed Sheeran beim ersten von zwei Konzerten vor 52.000 überwiegend textsicheren Fans in Gelsenkirchen. Einen Seitenhieb auf Düsseldorf konnte sich der Brite nicht verkneifen. Foto: Christoph Reichwein

Ein sorgloser Abend ist das, ein Entertainer mit wirklichen musikalischen Höhepunkten, bisweilen etwas belanglos, aber das wünscht man sich an einem Sonntagabend ja auch einmal, deshalb schauen ja auch so viele Tatort, während Sheeran hier singt: Man weiß, was man bekommt. Und genau das will man hier. 50.000 Menschen in der Arena wollen Sheeran pur.

Einen günstigen Fummel hat er sich da ausgesucht, denkt man angesichts des runtergesetzten Trikot. Wohl geizig, der Brite. Dazu passen die Gedanken zu Beginn dieses Konzerts, als Sheeran, wie er da so allein steht auf der großen Bühne mit seiner Gitarre, sagt, er stehe hier zwar ziemlich allein, aber das sei nicht allein sein Konzert, sondern „wir alle zusammen machen es zu unserem Konzert, ihr seid meine Mitsänger, ein großer Chor“.

Und dann kommt einem der Gedanke, dass das ja ein ganz günstiges Arrangement für ihn ist, wenn er tourt, alle Stadien und Arenen füllt bis auf den letzten Platz und niemand bei ihm ist auf der Bühne, den er noch bezahlen müsste.

Weil Gitarre, Stimme und Loop-Station, mit der Sheeran immer zu Beginn seiner Songs fein eingewebt die verschiedenen Tonspuren einsingt, einschlägt oder einschrammelt — weil das alles ja nun offenbar auch reicht. Aber wahrscheinlich ist dieser Gedanke albern, Sheeran wird ziemlich wohlhabend sein, in den britischen Billboards besetzte er kürzlich erst die ersten fünf Plätze, alle Alben des fleißigen Musikanten brechen Rekorde, und er produziert so schnell nach, wie dieser Abend verläuft — also Sorgen müssen wir uns um ihn nicht machen.

Hybrid oder Coolness?

Und der Verzicht auf das alles, auf das große Arrangement mit Musikern, Chor und allem anderen Zipp und Zapp, das manchem seiner Songs dann eben doch auch gut getan hätte, ist eben weniger Geiz als Stolz und Qualität und gelebte Professionalität. Seht her, ich, Ed Sheeran, geboren 1991 in Halifax, schaffe es auch allein, eure Arenen zu bespielen, ganz gleich ob sie ein Feld in Essen, ein Parkplatz in Düsseldorf oder eine geschlossene Fußball-Arena auf Schalke sind. Ist das Hybris oder Coolness? Oder beides?

Düsseldorf — die Stadt bleibt ein Thema an diesem Abend, weil schon die „Trouble Corner“ — graue Container am Arena-Eingang — verraten, was alles schief gelaufen ist bis zu diesem musikalischen Moment. Am Flughafen in Essen konnte Sheeran wegen der Feldlärche nicht spielen, die man schützen wollte. In Düsseldorf wurde der Messe-Parkplatz mit seinen Bäumen vor dem Ansturm der Sheeran-Fans bewahrt, es ging also nach endloser Diskussion auch hier nicht. Und dann wurden aus einem riesigen Konzert in der Landeshauptstadt zwei Stadion-Abende in Gelsenkirchen mit jeweils 50000 Zuschauern.

Viele von denen, die am Sonntagabend da sind, haben das alles mitgemacht, wären auch nach Essen oder Düsseldorf gefahren, aber jetzt stehen sie an den „Trouble Cornern“, um ihrem Ärger Luft zu machen: Weil die Karten anders zugeteilt werden mussten — eine Arena ist eben kein freies Feld — hat mancher seinen Nebenmann verloren, Gruppen und Freunde, manchmal auch Pärchen, sind auseinander gerissen worden. Das will ja niemand, und deshalb wird hier getauscht, zurückerobert, es wird sich geärgert und sogar manche Träne vergossen.

Sheeran ätzt Richtung Düsseldorf

Ed Sheeran selbst dokumentierte dann ziemlich schnell, dass dieses ganze Hickhack nicht nur ein Sündenpfuhl unter Konzertmanagern und Politikern geblieben ist, sondern auch der Künstler selbst davon mitbekommen hat. „Dies ist das größte Düsseldorfer Konzert, das nie in Düsseldorf gespielt wurde“, ätzte der Brite, so ätzend er überhaupt sein kann, und dann lächelte er dabei so nett, als wollte er sagen: Sei es drum. Los geht’s. Dafür also die ganze Aufregung?

Im Publikum: Mädchen und Frauen, geschätzt 75 Prozent. Dazu „Superdads und Freunde der Frauen“, sagt Sheeran selbst, weil er sein Publikum kennt und es feiert, wenn er die Superdads und die Freunde imitiert auf der Bühne, etwas verschroben dreinschaut und vor sich hin grummelt über diesen komischen Kerl mit den roten Haaren da auf der Bühne, der eigentlich zu teuer ist und nach dem Konzert uns alle in einen veritablen Verkehrsstau manövrieren wird, so ein Mist.

Es ist alles handgemacht, „live“, wie Sheeran betont, er wieselt herum auf der Bühne, das Ganze ist harte Arbeit für den 27-Jährigen, er trinkt viel Wasser. Und er redet so schnell zwischen seinen Liedern, als habe er es etwas eilig. Sheeran lächelt viel, er ist gut gelaunt, aber er ist eben auch unfassbar professionell.

Das Set schmeißt alle Hits in die Arena, wirklich alle, und das sind ja unfassbar viele, wenn man bedenkt, dass Sheeran vor sieben Jahren noch ein ziemlicher Nichts war und in Hamburg vor 100 Leuten gespielt hat, wie er das selbst erzählt. Und dann hätten sie ihm gesagt, in Deutschland müsse man nur immer weitermachen und immer weiter herkommen und singen, dann würde das immer größer. Und so ist es also gekommen.

Mehr von Aachener Nachrichten