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Aachen: Drach-Prozess beginnt mit Paukenschlag

Aachen : Drach-Prozess beginnt mit Paukenschlag

Der Kölner Strafverteidiger Detlef Hartmann kannte die verkehrstechnischen Tücken der Autobahn-Strecke Köln-Aachen scheinbar nicht genau.

Er kam am Montag eine halbe Stunde zu spät zum Start des Verfahren gegen den jüngeren Bruder des zu 14 Jahren und sechs Monaten verurteilten Reemtsma-Entführers Thomas Drach.

Lutz Drach (43), der Angeklagte, schaffte dagegen die Strecke mit dem Gefängnisbus pünktlich - er sitzt zur Zeit in Köln ein, 22 Monate bereits nach seiner Inhaftierung in Madrid. So musste Lutz-Harald, geboren am 29. Juni 1961 in Köln, auf seinen Strafverteidiger in der Seitenzelle des Saales erst einmal warten, wurde dann in Handschellen zur Anklagebank des Schwurgerichtssaales geführt.

Der Anwalt startete nach Verlesung der Anklage vor der 7. Großen Strafkammer (Vorsitz Richter Jürgen Beneking) mit einem Paukenschlag. Eines der höchsten Rechtsgüter, begann er, sei die vollständige Akteneinsicht für einen Angeklagten und seine Verteidigung.

Gebot der „Waffengleichheit”

Die Aachener Staatsanwaltschaft habe aus den 4562 Seiten starken Kernakten 3577 Blatt entfernt, hielt er Staatsanwältin Jutta Breuer vor. Das gehe nicht, das Gebot der „Waffengleichheit” zwischen den streitenden Parteien vor einem Gericht sei Kernbestandteil der „Magna Charta unseres Rechtssystems”. Der Anwalt stellte nach einer halben Stunde den Antrag, Akteneinsicht nehmen zu dürfen und das Hauptverfahren solange auszusetzen.

Das Gericht zog sich zu Beratung zurück, eine halbe Stunde später war der Eklat da, der Richter entschied: „Die Kammer folgt dem Antrag der Verteidigung. Die Staatsanwaltschaft hat dem Gericht bis heute 13 Uhr die fehlenden Akten vorzulegen.” Lange Gesichter auf der Anklagebank, der Richter dazu: „Ich habe Sie zwei Mal schriftlich aufgefordert, die Akten vorzulegen. Das haben Sie nicht getan.”

Großes Medieninteresse

Bereits vorab hatte sich der Rechtsanwalt den Kameras gestellt - ebenso ungewöhnlich, wie der weiteren Fortgang. Das Verfahren hatte wie erwartet großes Medieninteresse hervorgerufen, Hartmann dazu: „Mir scheint, dass der alleine Name Drach das bewirkt. Hier sammeln sich öffentliche Hilfstruppen zur Geldsuche” das sei dem Prozessgegenstand aber nicht angemessen. Denn natürlich wollen alle wissen, wo sechs Millionen Schweizer Franken aus der Beute der Reemtsma Entführung sind.

Den vermutlichen Geldwäsche-Aktivitäten des Drach-Bruders Lutz war man bei einem verfahren Anfang 2002 auf die Spur gekommen. Ein in Aachen tätiger Physiotherapeut war als Kurier eingesetzt worden, flog auf und lieferte in seinem Verfahren die Komplizen Lutz Drach und zwei weitere, gesondert verfolgte Mittäter ans Messer.

Nach Erkenntnissen der Staatsanwaltschaft, die „gewerbs- und bandenmäßige Geldwäsche in drei Fällen” anklagt, sollen sie sechs Millionen Schweizer Franken in zwei Fuhren im Mai 2000 nach Madrid geschafft haben, um sie von dort nach Brasilien zu bringen.

Das Geld wurde von Erftstadt bei Köln in Fuhren von je drei Millionen Franken per Auto nach Spanien gebracht. Aus nicht bekannten Gründen sollen die Reemtsma-Geldwäscher die Millionen Ende Mai wieder zurück nach Aachen geschafft und bei jenem Physiotherapeuten im Keller eingebunkert haben. Die Millionen wurden dann weiter nach Lüttich geschafft. Da verliert sich ihre Spur.

Das Tauziehen dauerte

Das Tauziehen um die Prozessakten am Montag dauerte und dauerte. Auf den Gerichtsfluren vermutete man bereits Pragmatisches, vielleicht sei der Kopierer der Aachener Staatsanwaltschaft kaputt, hieß es. Aber dort rauchten die Köpfe.

Erst nach 15 Uhr, zwei Stunden später als geplant, meldete sich Staatsanwältin Jutta Breuer zurück, das stundenlange Tauziehen hatte ein Ende, Breuer nach Rücksprache mit ihren Vorgesetzten dazu: „Der Behördenleiter hat dem Ersuchen des Vorsitzenden Richters nicht stattgegeben.” Und überreichte Richter Beneking eine zweiseitige Erklärung der Staatsanwaltschaft. Die Behörde, hieß es da, könne dem Gericht wie der Verteidigung „keine vollständige Akteneinsicht” gewähren. Tue sie es dennoch, gefährde sie weitere Geldwäsche-Ermittlungen rund um die Reemtsma Entführung, die „gegen eine Vielzahl von Beschuldigten mit Hochdruck geführt” werden. Weiter habe die Strafkammer die Anklage so, wie sie ist - sprich ohne die fehlenden Aktenteile, zugelassen.

„Prozess- oder Verfahrenshinderniss”

„Ich bin verblüfft”, gab da Verteidiger Hartmann ratlos zu. Seine Hoffnung auf weitere Aufklärung zerstob im Nichts. Auch seinen Antrag, die Hauptverhandlung auszusetzen, lehnte das Gericht nach kurzer Beratung ab. Beneking zeigte sich überzeugt, dass kein „Prozess- oder Verfahrenshinderniss” dem Fortgang entgegen stehe.

Dann ging er spät am Nachmittag zur Tagesordnung über: „Herr Drach, Sie wissen, ein Geständnis wäre, wenn es was zu gestehen gibt, einer der Hauptmilderungsgründe, die das deutsche Recht kennt.” Lutz Drach gestand rein gar nichts. Der Prozess wir am Donnerstag fortgeführt.