Aachen: „Don Giovanni“: Nackte Männer, hohe Töne, schöne Pläne

Aachen : „Don Giovanni“: Nackte Männer, hohe Töne, schöne Pläne

Die Sixpacks sind wirklich prächtig definiert, und die Gemächte liegen blank. Nackte Tatsachen wird Mozarts „Don Giovanni“ in Aachen bieten. Allerdings in Marmor und Öl — oder was man im Theater so dafür halten soll.

Verantwortlich für die knackigen Mannsbilder ist dieser kompakte Mann mit Kugelbauch und Glatzkopf, roter Brille und roten Schuhen, der da bei der Probe im Großen Haus zwischen Männertorsi über die Bühne flitzt und eine ausgelassene Stimmung verbreitet. Ja, der Regisseur Joan Anton Rechi „is back in town“. Das bedeutet: Gesprochen wird Englisch, gelacht viel. Und die Zuschauer dürfen wohl wieder einen unterhaltsamen Abend erwarten — witzig, heutig, präzise getimt.

Sängerin Katharina Hagopian kommt mit wachem Lächeln aus der Probe. „Rechi arbeitet sehr entspannt und trotzdem sehr effizient“, sagt sie. Der gebürtige Andorraner inszeniert zum vierten Mal in Aachen. Nachdem er Rossinis „Cenerentola“ und „Barbiere“ zu komischen Publikumskrachern machte, ist er vorige Saison mit Strauss' „Ariadne auf Naxos“ hart am Klamauk entlanggeschrammt. Da muss die Sopranistin widersprechen: Auch wenn sie in „Ariadne“ als Nymphe — die roten Haare unter blonder Wallemähne und ihre 1,80 Meter auf Plateausohlen — öfter kurzsichtig blinzelnd gegen die Tür gelaufen ist — Rechis Humor komme aus der Ernsthaftigkeit, sei „intelligent und tief“.

Das mag dann bei „Don Giovanni“ jeder selbst beurteilen. Für Rechi ist es ein Drama mit „comic touch“. Ganz egal, ob die so unendlich oft interpretierte Titelfigur einer der meistgespielten Opern als Frauenheld oder Frauenschänder gezeigt wird: Regisseure nutzen die Gelegenheit gerne, leicht bekleidete Damen posieren zu lassen. Rechi dagegen möchte die Rolle des Mannes quer durch die Jahrhunderte befragen. Inspirieren ließ er sich dafür von der Ausstellung „Nackte Männer“, die 2012 im Wiener Leopold Museum die Gemüter erhitzte. Daher sind auf der Bühne von Gabriel Insignares in einer Art Museum Mannsbilder von Dürer bis Degas, von Matisse bis Lucian Freud zu sehen.

Passend zur #MeToo-Debatte?

„Ein ganz frischer Blick“ auf den altbekannten „Don Giovanni“, findet Katharina Hagopian. Rechi habe „ein klares, schlüssiges Konzept, in dem wir Sänger aber sehr viel Freiheit genießen“. Die Sopranistin, die bereits seit 2011 im Aachener Ensemble ist, spielt Donna Anna, eine der mehr als 2000 Frauen auf der Liste des Lebemanns Don Giovanni. Und zwar nicht als die hehre Leidende, sondern als „eine verwöhnte Tochter aus der Upper Class“, die sich zu dem Liebesabenteurer hingezogen fühlt, aus Eifersucht aber eine Vergewaltigung vorgibt.

Wer denkt bei diesem Stichwort nicht an die #MeToo-Debatte, die ganz real längst auch den Klassikbetrieb erreicht hat? Aber nein, sie wird nicht explizit auf der Bühne kommentiert, sagt Hagopian. Und: „Gott sei Dank“ habe sie selbst bisher keine negativen Erfahrungen mit Sexismus im Theater gemacht. „Aber gut, dass die Zeit reif ist, jetzt alles offen auszusprechen.“

Offen sagt die 34-Jährige, dass die Partie der Donna Anna stimmlich eine Herausforderung ist. Mit ihrem Lehrer, dem Tenor Franco Farina, feilt sie sogar via Skype daran. Die größte Klippe: „Jeder kennt diese Oper und hat bestimmte Klangvorstellungen im Ohr.“ Aber keine Sorge, in fast sieben Jahren hat sie in Aachen schon viele Bravo-Orkane erlebt. Intendant Michael Schmitz-Aufterbeck preist ihre „erstaunliche Wandlungsfähigkeit“ — ob als Händels Alcina, Marie in „Die verkaufte Braut“, Agathe im „Freischütz“, Anno Schreiers Prinzessin im Eis oder zuletzt Monteverdis Ottavia.

Nach dieser sehr tief liegenden „Poppea“-Partie geht es für den Sopran mit Donna Anna sehr hoch hinaus: lyrisch, dramatisch und mit Koloraturen. Da kommt es ganz gelegen, dass Hagopian durch ihre Schwangerschaft ein „geerdetes Gefühl“ spürt, dass ihre Stimme nun runder, weicher, vielleicht auch ein bisschen größer geworden ist.

Ja, da ist auch noch die Mutterrolle: Sohn Jacob ist mittlerweile zwei. Fünf Wochen nach der Geburt stand seine Mama schon bei einem Liederabend auf der Bühne, nach zwei Monaten Elternzeit ginge_SSRqs wieder zur Probe. „Am Theater kann man gar nicht Teilzeit arbeiten“, sagt Hagopian — und fügt cool hinzu: „Alles eine Frage der Logistik!“ Neben Tagesmutter und Babysitter unterstütze sie ihr Mann, der US-amerikanische Dirigent Geoff McDonald, den sie beim Studium am Mannes College for Music in New York kennenlernte.

Da er aber auch viel in Amerika tätig ist, kommt vor jeder Premiere die Mutter der gebürtigen Mainzerin angereist, um sich um Jacob zu kümmern. Er hat schon Bühnenluft geschnuppert, beim Krabbelkonzert mit seiner Mama war er auch, und immer, wenn sie mit ihm am Theater vorbeikommt, erzählt Hagopian stolz, dann reckt er sein Fingerchen Richtung Säulen und kräht: „Mama singt!“

Und noch eine Nonne

Warum da ein Marmormann in Unterhose zwischen den Säulen hängt, wird er sich jetzt vielleicht fragen. Ein Werbebanner für „Don Giovanni“. Diese Musik hat Mama ihm noch nicht vorgespielt. Und wie jugendfrei die Aufführung ist, wird sich zeigen.

Katharina Hagopians nächste Rolle aber wird sicherlich züchtiger: Eine Woche nach der Premiere von „Don Giovanni“ beginnen die Proben zu Poulencs tragischem Widerstandsdrama „Dialogues des Carmélites“. Nach der Genovieffa in Puccinis „Suor Angelica“ also wieder eine Nonne. „Wunderschöne Musik“, schwärmt die Sopranistin. Madame Lidoine hat sie bereits gesungen, vor zehn Jahren in einer Studenten-Produktion in New York, ihre allererste Partie auf der Bühne. Große Gefühle, viele Tränen, sie erinnert sich gut. „Sie wird am Ende als Erste von der Guillotine getroffen.“

Nachdem sie im Juli als Agathe im japanischen Hyogo gastiert haben wird, wartet in Aachen auch nächste Saison eine schöne Mozart-Partie auf sie, verplappert sich Hagopian aufgeregt. So, so? „Oh, das darf ich ja noch gar nicht verraten!“ Stimmt, das Theater präsentiert seinen Spielplan am 17. Mai.

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