Aachen: „Don Giovanni“: Mit Glitzerfummel und Taschenlampen

Aachen : „Don Giovanni“: Mit Glitzerfummel und Taschenlampen

Der große Schwerenöter lässt sich von der geballten entblößten Männlichkeit, die sich um ihn herum auf Wänden und Sockeln räkelt, mitnichten beeindrucken. Die Prototypen seines Geschlechts, wie sie die Bildhauer der Antike und die Maler seit Dürer in Marmor oder Öl verewigt haben, würdigt Don Giovanni keines Blicks. Er fokussiert allein die Frauen.

Auch bei der Vernissage in jenem monumentalen Museum, das Gabriel Insignares dem Regisseur Joan Anton Rechi auf die Aachener Drehbühne gebaut hat. Abgelenkt ist zunächst höchstens das Premierenpublikum, das solches Bilder-Karussell zu Mozarts Oper nicht erwartet. Gut drei Stunden später prasselt einhelliger Beifall auf sämtliche Akteure des Abends nieder, der allerdings keine neue Sicht auf die Oper aller Opern eröffnet.

Immerhin ist es lustig. Und wir vermeiden — mit einiger Mühe — das in diesem Zusammenhang vernichtende Wörtchen Klamauk, indem wir beschreiben, dass einige Pointen, mit denen die Regie das „Dramma giocoso“ illustriert, die Grenzen des guten Geschmacks strapazieren. Wohlgemerkt: Es gibt da keinen Unflat auf der Bühne, das Provokante bloßer gemalter Gemächte hat sich schnell verbraucht. Und die Verführungsversuche des Titelhelden riefen allenfalls Aktivisten der Metoo-Bewegung auf den Plan, nicht aber die Sittenpolizei. Nein, es sind eher Details der Ausstattung, die ins Alberne abdriften und den Blick in die Tiefe des Werks verstellen.

Vom Sockel gestoßen hat Rechi zuvorderst die Figur des Komtur, der, zunächst von Giovanni ermordet, im Finale die (dann ziemlich blutleere) Höllenfahrt des Helden befördert. Rechi macht aus ihm den Untoten des ersten Aktes, der zunächst mit klaffender Kopfwunde die Damen in den ersten Reihen des Parketts erschrecken darf, sich später mit Federschmuck verziert in allerlei Liebesszenen umfallend komisch einmischt. Klar, Mozarts Da-capo-Arien wollen ansprechend erzählt sein, und in einem Lustspiel darf es auch mal lustig zugehen. Hier scheint jedoch Rechi vieles an den Federn herbeizuziehen. Wenngleich die Idee: die Wirkmacht des Komtur auch während des ersten Aktes leibhaftig vorzuführen, Charme hat. Bis zur Pause kommt jedenfalls szenisch keinerlei Langeweile auf. Die Ausstattung (Kostüme: Merce Paloma) hat schwer in die Glitzerfummeltruhe gegriffen, um die ins Heute verlegte Handlung einer High-Society-Gesellschaft auszustatten. In der Ballszene kostümiert sich die Rache-Fraktion wie zur Muppet-Show. Die Drehbühne rotiert ohne Unterlass.

Komtur mit Höllenschein

Das ist auch im zweiten Akt nicht anders, allerdings fällt Rechi und seinem Team im Dunkel des dann nicht mehr passen wollenden Museums nicht viel ein. Taschenlampen allenfalls, Gekrabbel unter Flatterbändern am „Tatort“ Marmorsaal. Höllenschein beim Auftritt des Komtur. Mitreißend, gar ergreifend ist da kaum etwas.

Womit wir bei der musikalischen Seite des Abends wären. Und da muss man feststellen, dass das Sinfonieorchester Aachen nicht seinen besten Tag hatte. Dirigent Justus Thorau geht wenig feinsinnig mit Mozarts Partitur um, manches Mal erdrückt der derbe Klang aus dem Graben die Sänger auf der Bühne. Das Horn hat’s schwer, das Solocello allerdings schwelgt wunderbar. Der Chor stört mit Verdi-Farben, bei den solistischen Sängern ist Licht und Schatten. Am ehesten noch Suzanne Jerosme als Zerlina kultiviert das luzide Mozart-Legato, das sie mit einem entzückend keuschen Vibrato zu dekorieren weiß, was ihren Partner Michael Terada als Masetto ebenfalls zu einer schönen Leistung animiert.

Hrólfur Saemundsson zeigt in der Titelpartie all die warmen Farben seines Baritons, ins Schwingen und Berühren kommt er allerdings nur selten. Zusammen mit Woong-jo Choi als Leporello, der äußerst fokussiert singt und spielt, bildet er ein Paar, das mehr agiert als interagiert. Ang Du ist ein profunder, wenn auch nicht durchschlagender Komtur-Bass. Für die Donna Elvira hat das Theater Netta Or engagiert, und ihr herber Sopran passt gut zu der facettenreichen Partie der Rächerin; Katharina Hagopians Sopran verleiht der Donna Anna viel Schmelz aber zu wenig Kern.

Guter Mozart-Tenor

Ihr Partner Don Ottavio ist bei Patricio Arroyo in einer wie für Mozart geschaffenen Tenor-Kehle. Aber auch ihm merkt man an, dass es große Kunst wäre, das Schlichte in Mozarts Musik zum Blühen zu bringen. Ein solider, wenn auch nicht mitreißender Mozart-Abend, alles in allem. Mit dem das Theater seinem Publikum eins der Meisterwerke der Gattung präsentiert, live und in Farbe. Die Inszenierung von Rechi und seinem Team wird Stoff für anregende und kontroverse Gespräche bleiben.