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Aachen: Disko-Queen entdeckt die Liebe

Aachen : Disko-Queen entdeckt die Liebe

Wenn schon, dann auch mit Schmackes. Das mag sich Regisseur Michael Talke gesagt haben, als er zusammen mit Barbara Steiner (Bühne) und Stefan Prattes (Kostüme) das Konzept für die Inszenierung von Gaetano Donizettis Komischer Oper „Der Liebestrank” am Theater Aachen entwickelte.

Herausgekommen ist eine quietschbunte Revue, die die banale, fast 200 Jahre alte Dreiecksgeschichte in einen Comic über Glamour und Geiz-ist-geil verwandelt. Hereingerührt in den frechen Cocktail hat Talke außerdem eine erstaunlich große Portion stimmlichen Wohlklangs und eine erfrischend ernsthafte Prise Moral. Selten so gelacht - und gejubelt.

Der arme Nemorino! Er kann an gar nichts denken als nur an Adina. Dabei sieht die auf ihren Pumps und in dem hochgeschlitzten, knallrot-hautengen Pailletten-Kleid noch knackiger aus als Marilyn Monroe - und er selbst ist die kleine, pummelige Unschuld vom Lande. Schafhirt liebt Disko-Queen.

Das zeigt auch die schlichte Bretterbühne, eine von Glitzerbändern eingefasste Tanzfläche, die jedoch ruckzuck verschwinden kann, verdeckt vom Idyll einer italienischen Berglandschaft mit blökender Schafherde: Die schwebt einfach aus dem Schnürboden herab und wieder herauf.

Bunter Schmetterling

Kein Wunder also, dass Adina, kapriziös wie ein Schmetterling, mehr auf Muckibudentypen anspringt - und prompt kommt so einer auf einem Spielzeugpanzer daher: Belcore, Soldat von Kleiderschrankformat mit Waschbrettbauch. Um Adina von der eilig vereinbarten Hochzeit abzubringen, muss Nemorino zunächst dem Wunderdoktor Dulcamara auf den Leim gehen. Der ist ganz in Gold gewandet, außerdem von massenhaft Federboas und den dazugehörigen Damen auf blinkender Revuetreppe umgeben und natürlich ein Scharlatan.

Vor der überraschenden Schlusswendung sind noch eine Beinahe-Eheschließung in Schweinchenrosa zu erleben, eine grandiose Verkaufsveranstaltung des Dottore und allerlei Hüpfeinlagen der vom Chor verkörperten Gesellschaft (Choreographie: Carla Brettschneider).

Talke hat die Mittel der Commedia dell´Arte neu erfunden, und das tut dem „Liebestrank” wahrlich gut. Denn es offenbart die Struktur dieses von Donizetti flott zusammengeschusterten Werks, das seine Qualität gerade darin findet, dass es in den zu Herzen gehenden Arien der Protagonisten im zweiten Akt die Ebene der Gags und Possen verlässt. Es menschelt ganz plötzlich - und musikalisch ganz wunderbar - zwischen den beiden Liebenden. Und Adina entdeckt ihren wahren Kern, der zwar nicht so mondän, dafür aber umso liebenswerter ist.

Nun ist es nicht selbstverständlich, dass ein derart schrilles Regiekonzept aufgeht. Hier hat sich jedoch ein allem Anschein nach bestens funktionierendes Team zusammen gefunden, dem es gelang, bei allen überdrehten Possen die Bodenhaftung zu behalten. Dabei ist die Musik beim Ersten Kapellmeister Daniel Jakobi in besten Händen.

Unerlässlich ist aber auch gutes Handwerk auf und hinter der Bühne. Und man hat kaum etwas zu meckern. Ja sicher, einige Damen und Herren des Chores könnten in den choreografierten Hampeleien etwas unverkrampfter wirken, doch das wird sich mit der Zeit einstellen. Ja, man kann sich Sänger vorstellen, die die Kunst des Belcanto noch selbstverständlicher beherrschen.

Aber das ist doch ganz wunderbar, welch weich schmelzende bis in strahlende Höhen sichere Töne der Tenor Sung-Keun Park in der Nemorino-Partie erklingen lässt. Sehr, sehr stark auch die Vorstellung von Woong-jo Choi als Quacksalber Dulcamara.

Und auch die Adina von Eva Bernard lässt manches Mal ein Entzücken die Runde machen, selten nur entgleiten ihr in der großen Partie Klänge ins Metallische. Iva Danova (Gianetta) bleibt musikalisch eher unauffällig, ebenso wie Martin Berner als Belcore. Dessen Waschbrettbauch, allerfeinst ausgestopft, ist allerdings eine echte Sensation.

Man fällt als Zuschauer am Schluss dieses „Zaubertranks” ziemlich unsanft aus den Wolken des überdrehten schönen Scheins in die Wirklichkeit zurück. Auch das ist aber eine Stärke der Inszenierung, die hiermit wärmstens empfohlen sei - als eine fröhlich-beschwingte Alternative zum Vorweihnachtsstress.