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Jüchen: Diebische Elstern im barocken Treppenhaus

Jüchen : Diebische Elstern im barocken Treppenhaus

Dort, wo es nicht einmal einen Bürgersteig zum abendlichen Hochklappen gibt, im Niemandsland zwischen Neuss, Rheydt und Grevenbroich, kann man die nächsten drei Jahre internationale Kunst bestaunen - und das in lauschiger Umgebung.

Zehn Kreative, die für gewöhnlich in der künstlerischen Champions League spielen, haben das barocke Wasserschloss Dyck mit Gemälden und Rauminstallationen unter dem Titel „Grazie” ausgestattet.

Kurator der Schau ist kein Geringerer als Jan Hoet, als ehemaliger Leiter der Kasseler documenta (1992) und Direktor des Stedelijk Museums voor Actuele Kunst Gent (1975-2001) einer der bekanntesten und renommiertesten europäischen Ausstellungsmacher.

Die Hausherrin, Christine Gräfin Wolff Metternich, stellte zusammen mit Hoet am Mittwoch die Ausstellung und den druckfrisch erschienenen Katalog der Presse vor.

Das Thema, dem sich Größen wie Enzo Cucchi, Günther Förg und Jannis Kounellis stellten, liegt angesichts des für seine prachtvollen Gartenanlagen berühmten Gemäuers so nah wie der umlaufende Wassergraben: Kunst und Natur im Dialog.

Documenta-Teilnehmer Haim Steinbach aus Israel nahm das Motto reichlich wörtlich: Er verfrachtete die Natur selbst mit sieben ausgestopften Elstern auf Ästchen ins Treppenhaus. „Kunst heißt, mit Augen zu stehlen”, zieht Jan Hoet mit viel Humor die Verbindungslinie zu den diebischen Piepmätzen.

Der Amerikaner Joseph Kosuth hat seine ureigene Erfahrung mit appellativen Botschaften umgemünzt und goldene Worte von Friedrich Schiller über die Natur im Reklamejargon unserer Tage weiß leuchtend 14 Meter lang auf der Korrodorwand aufgebracht.

Katharina Grosse schafft die Verbindung zwischen ihren wolkig-duftig-zarten Malereien, die von keinerlei Leinwand oder Rahmen auf den Tüfen und Wänden des Gemachs gebremst worden sind, verblüffend einfach: Sie hat schlicht und ergreifend das Fenster geöffnet...

Ettore Spaletti mühte sich geduldig, eine schwebende, raumfüllende Fläche himmelblau zu streichen, um sich das Firmament anzueignen.

Konzeptkunst der extremen Art präsentiert Tobias Rehberger mit einer Installation, die besonders kühnes Um-die-Ecke-Denken verlangt: Seine elliptisch geformten Wasserbecken versteht er als Konturen von islamischen Ländern auf der Landkarte Afrikas, wobei das kostbare Nass Sehnsucht und Wünsche versinnbildlicht.

Ganz ohne solch geniale Gedankengänge kommt Günther Förg bescheiden aus, der mit seinen graustreifigen Gemälden den Raum mit sparsamen Farbklängen ausstattet.

Ein lustvoll irritierendes Spiel mit Perspektiven treibt Peter Ros-tovsky, indem er eine zylindrische Spiegelsäule auf das am Boden liegende halb gemalte, halb fotografische Abbild des Schlosses stellt.

Und wem derlei Kunst wenig sagt, dem bleibt ja noch der Garten...

Ausstellung „Grazie”, bis 2006, Schloss Dyck, Jüchen; A46, Autobahn-Abfahrt Grevenbroich-Kapellen, dann ausgeschildert.

Öffnungszeiten Park: Di.- So. 10-18 Uhr, Schloss und Ausstellung: Di.-So. 14-18 Uhr.

Eintritt: 6, erm. 4 Euro. Katalog 30 Euro.