Theaterkunst auf vielen Ebenen: „Die Verwandlung“ nach Kafka in der Kammer

Theaterkunst auf vielen Ebenen : „Die Verwandlung“ nach Kafka in der Kammer

Verwandelt sich  – wie in Franz Kafkas Meistererzählung „Die Verwandlung“ – ein Mensch in ein Insekt, schüttelt es viele bei der Vorstellung. Vielleicht zur Beruhigung: Regisserin Sylvia Sobottka hat Kafkas Text in der Kammer des Theaters Aachen eindringlich und intensiv, aber kein bisschen unangenehm umgesetzt.

Gregor Samsa (Ognjen Koldzic) ist im wahrsten Sinne des Wortes ans Bett gefesselt. Dicke Autogurte halten ihn an Matratze und Lattenrost fixiert. Dieser „Panzer“ macht ihn von heute auf morgen vom Familienernährer zum Pflegefall. Plötzlich müssen sich Eltern und Schwester um ihn kümmern und auch noch für das Familieneinkommen sorgen. Die Atmosphäre innerhalb der Familie wandelt sich von Erschrecken über die Verwandlung und Mitleid mit dem Sohn und Bruder hin zu Abscheu und dem Wunsch, „es“ loszuwerden.

Laufen sie am Anfang noch auf Zehenspitzen an Samsa in seinem Bett vorbei, streiten sie sich schon bald darum, wer denn jetzt das Geld verdienen geht soll. Später sind sich einig, dass man Gregor zwar dulden, aber sich doch nicht mehr um ihn kümmern müsse als nötig. Obwohl sich Gregor Samsa äußerlich stark verändert hat – die eigentlichen Wesensveränderungen vollziehen sich bei Eltern (Luana Bellinghausen und Philipp Manuel Rothkopf) und Schwester (Petya Alabozova).

Die laufen durch bunte Vorhänge (Bühne und Kostüme: Manuel Gerst), die die gesamte Bühne in Gänge teilen. Sie sind oft nur halb zu sehen, verharren in statischen Positionen. Viel Wert legt die Regisseurin auf Mimik, was in der kleinen Kammer gut funktioniert, weil die drei Schauspieler dies hervorragend beherrschen. Vor allem Alabozovas Veränderung vom leicht gelangweilten Teenager über die liebevolle, manchmal erstaunte Pflegerin hin zur angewiderten Antreiberin im Bemühen, Gregor loszuwerden, ist beeindruckend.

Koldzic ist vor allem durch die versteifte Matratze gefordert. Er rollt und krabbelt, hängt am Vorhang und verkriecht sich. Er stopft sich Bananenschalen in den Mund – und verliert doch nie seine Menschlichkeit. Die Lähmung, die die gesamte Familie seit der Verwandlung Gregors befallen hat, bleibt stets erhalten, selbst über Gregors Tod hinaus. Daran können auch die zu einem Regenbogen aufgehenden Vorhänge nichts ändern. Theaterkunst auf vielen Ebenen! Viel Applaus vom begeisterten Publikum.