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Herzogenrath: Die Tester kommen mit dem Tourenrad

Herzogenrath : Die Tester kommen mit dem Tourenrad

Plötzlich stand der Lkw da. Ein rangierender Brummi, der im strömenden Regen den Radweg blockierte. Die Radler wichen ihm aus - und gerieten dabei auf die Straßenbahnschienen. Zwei Herren hob es auf dem glitschigen Untergrund aus dem Sattel, ihre Prellungen sind mittlerweile abgeheilt. „Das war einfach Pech”, sagt Peter London, der für Radverkehr zuständige Mitarbeiter des NRW-Verkehrsministeriums.

Es war ein ungewöhnlicher Berufsunfall, passiert vor wenigen Wochen in Dortmund. Als solcher ist er Teil einer ganz besonderen Radreisegruppe in Nordrhein-Westfalen, die jüngst Dortmund gründlich unter die Lupe genommen hat. „Die Stadt ist in puncto Fahrradfreundlichkeit mustergültig.” Und somit trotz dieses Unfalls während der Prüfung ein geeigneter Kandidat für die Aufnahme in die „Arbeitsgemeinschaft fahrradfreundlicher Städte” (AGFS). Um die bewirbt sich auch Herzogenrath.

Dort werden am Montag 17 Besucher der Landeskommission erwartet. Mitglieder der AGFS, Landtagsabgeordnete, Mitarbeiter des Verkehrsministeriums und des Landesbetriebs Straßenbau werden gemeinsam mit Verwaltungsmitarbeitern quer durch die Kommune fahren. Dabei wird sich zeigen, ob die ihre Hausaufgaben in Sachen Fahrradfreundlichkeit gemacht hat.

Nicht bloß die Radwege werden die Prüfer im Sattel begutachten. London: „Es muss insgesamt ein fahrradfreundliches Klima feststellbar sein. Politik und Verwaltung müssen uns beweisen, dass sie das Fahrrad wirklich fördern wollen.” Die Öffnung von Einbahnstraßen für Radfahrer kann ebenso dazu gehören, wie die Beschilderung von Radwanderwegen oder gesicherte Abstellstationen an Bus- und Bahnhöfen. Auch wird abgeklopft, ob die Schulen das Thema Rad auf dem Lehrplan haben und Radbroschüren in öffentlichen Gebäuden ausliegen.

Doch nicht alle Kriterien müssen erfüllt werden. „Wir erwarten keine optimalen Bedingungen”, sagt Pascale van den Berg, Mitarbeiterin der in Krefeld ansässigen Geschäftsführung der 1993 gegründeten Arbeitsgemeinschaft, die bundesweit bis heute einmalig ist. „Uns ist klar, dass nicht jede Kommune so gut aufgestellt ist wie etwa Münster.”

Was zählt, ist Kontinuität. Deshalb können die Mitglieder nach der Aufgabe nicht einfach einen Gang runterschalten. Die Städte und Kreise - nach der jüngsten Aufnahme Düsseldorfs gehören 40 zur AGFS - müssen weiterhin strampeln, um kräftig fürs Rad zu werben. Nach sieben Jahren muss die Aufnahme nämlich erneuert werden, dann bereisen die Prüfer die Mitgliedsstädte und schauen nach, was sich dort getan hat.

Nicht die ambitionierten Rennradfahrer oder Mountainbiker hat die AGFS dabei vor allem im Blick. Es geht um den ganz normalen deutschen Durchschnittsfahrer, der laut Statistik pro Jahr 310 Kilometer radelt. Deutlich weniger als der typische Niederländer, der es auf stramme 900 Kilometer bringt. Da besteht in NRW Nachholbedarf. Peter London: „Für jemanden, der fünf Kilometer zum Arbeitsplatz benötigt, muss es attraktiver werden, mit dem Rad dorthin zu fahren. Das wollen wir erreichen.”

Einer, der in der Regel täglich mit dem Rad zur Arbeit kommt, ist Hans Spira. Der Straßenverkehrsingenieur der Herzogenrather Verwaltung hat den Aufnahmeantrag vor knapp einem Jahr eingereicht und freut sich auf den kommenden Montag. Er ist zuversichtlich, die Prüfer von den Zweiradqualitäten der Stadt überzeugen zu können. Punkten will sie etwa mit einem Knotenpunktsystem für Radfahrer, das Ausflugsstrecken mit Routen in Belgien und den Niederlanden verknüpft. Auch Schulwegpläne für Radfahrer gehören zum Konzept.

Dass das Radeln vor allem in Herzogenrath-Mitte mit seinem starken Gefälle durchaus eine schweißtreibende Sache sein kann, sieht er nicht als Problem. „Wenn man erst einmal aus dem Kessel raus ist, ist es ganz wunderbar.”

Von der Mitgliedschaft in der finanziell zu 90 Prozent vom Land geförderten AGFS profitieren die Mitglieder, die Jahresbeiträge von derzeit etwa 1900 Euro zahlen, vor allem in Sachen Aufmerksamkeit. London: „Sie können bereits am Ortseingang auf Schildern damit werben, fahrradfreundlich zu sein. Das ist ein touristischer Vorteil.”

Auch einen Topf für Öffentlichkeitsarbeit gibt es. Zudem tauschen sich die Mitglieder regelmäßig aus, um das Rad nicht stets für sich neu erfinden zu müssen. London: „Die Mitgliedschaft sorgt für einen positiven inneren Druck. Da kann man gar nicht anders, als das Rad immer weiter nach vorn zu bringen.”