1. Kultur

Köln: Die Schöpfung wird im Tanz beschworen

Köln : Die Schöpfung wird im Tanz beschworen

Licht und Finsternis sind schon voneinander geschieden. Nebel wallt auf. Ein leises Plätschern verheißt Regen.

Dem Gewitter folgt Fruchtbarkeit. Wie sprießende, rundköpfige Pilze wölben sich die zuckenden Leiber aus dem Erdboden. Ein leiser Choral begleitet ihre Geburt. Die Schösslinge Gottes gedeihen. Wachsen. Bis hin zur Menschwerdung. Bis hin zum aufrechten Gang. Bis hin zum ersten Schritt.

Wie ein Gebet

Wenn die 19 Tänzerinnen und Tänzer des „Bahia Ballet” den Geist der Genesis beschwören, wenn sie den Göttern danken, trotzen und Abbitte leisten, dann ist das ein „Gebet der Körper”, wie die New York Times einst schrieb.

„Sanctus Suite”, so der Name der Tanz gewordenen Beschwörung, markiert den Höhepunkt des Programms, mit dem die Compagnie aus Salvador (Brasilien) bis zum 7. August im Rahmen des Sommerfestivals der Philharmonie in Köln gastiert.

Das 1981 als Sparte des „Teatro Castro Alves” gegründete Ensemble wird weltweit als Elite gefeiert - zu Recht, wie die Premiere zeigte. In „Sanctus Suite” vermischt sich katholische Tradition mit dem Glauben an die alten Gottheiten, an die Orixás, der einst mit den Sklaven aus Afrika kam.

Die perfekte Folie für die vorgebliche Symbiose bildet die Musik von David Fanshawe - ein Oratorium der Lust mit pulsierenden Trommeln, kehligen Schreien und jenseitigem Klostersang.

In diesem Verwirr-Kosmos gedeihen Trance und Unterwerfung, Vereinigung und Sündenfall, Hingabe und Golgatha. Das „Bahia Ballet” ist ein wunderbares Ensemble: absolut synchron, en detail virtuos und ungemein leistungsstark. Wenn Solisten wie Adriana Bamberg, Tiago Menegaz und Luíza Meireles die „Trinidade” eines Mannes zwischen zwei Frauen beschwören, dann wirkt das zugleich federleicht und gespannt wie eine Feder.

Und Paare wie Idevan Delefrate und Francisco Silvino haben bei „Paradox” nicht nur deshalb alle Sympathien auf ihrer Seite, weil sie so sorglos mit ihrem Schuhwerk umgehen und so nett auf Deutsch „Na und?!” in den Saal schmollen können, sondern weil ihre schönen, durchtrainierten, von Licht und Schweiß glitzernden Körper füreinander zugleich Frage und Antwort, Wachs und Stahl, Strandgut und Schiffszeichen sind.

Wer bei „Bahia Ballet” an opulent-überbordenden Karneval in Rio denkt, wird mit Sicherheit enttäuscht. Wer eine atemberaubende Mischung aus Modern Dance, klassischem Ballett, Tanztheater, Akrobatik und rituellem Credo zu schätzen weiß, mit Sicherheit nicht.
„Bahia Ballet” im Rahmen des 18. Sommerfestivals der Kölner Philharmonie, bis Sonntag. 7. August.

Vorstellungen: Di., Mi. , Do., und So. 20 Uhr, Fr. u. Sa. 21 Uhr, Mo. spielfrei.

Karten in Ihrem Ticketshop in der Mayerschen Buchhandlung Aachen, Infotelefon Tel.0241/5101175