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Aachen: Die „Schattengalerie” zeigt herbe Verluste

Aachen : Die „Schattengalerie” zeigt herbe Verluste

Der streng blickende Herr Bock mit seiner weißen Halskrause, die verzauberte Schneelandschaft, die üppige Venus, der filigrane Blumenstrauß in der schimmernden Porzellanvase - sie alle sind nicht wirklich da und doch unglaublich präsent.

Geisterhafte Begegnungen mit Kunstwerken, die einst in der Sammlung des Suermondt-Ludwig-Museums (Suermondt-Museums) Aachen glänzten, zeigt die eindrucksvolle Ausstellung „Schattengalerie” (Eröffnung heute 19 Uhr) in der großen Halle des Hauses an der Wilhelmstraße.

Verloren, gestohlen, zerstört, verschwunden - viele von ihnen nach der Auslagerung im zweiten Weltkrieg, wo der größte Teil in die Meißener Albrechtsburg gebracht wurde. Von dort kam so manches Stück nicht zurück, denn vieles wurde von „Trophäenjägern” aus dem Kreis der Besatzer beschlagnahmt und in die damalige Sowjetunion gebracht, wo die Bilder vermutlich bis heute ein Schattendasein in Depots oder Privatsammlungen fristen.

An 80 von 270 vermissten Werken wird mit Abbildungen erinnert, die in ihren Ausmaßen von der winzigen, nur zwölf Zentimeter messenden Studie bis zur rasanten Wildschweinjagd im Drei-mal-vier-Meter-Format den Originalen entsprechen. Möglich wurde dies durch eine Kölner Spezialfirma, die die erhaltenen Glasnegative digitalisiert hat und ansprechende, „weich” getönte Schwarzweißabzüge herstellte. Manche von ihnen sind sogar von den ursprünglichen Rahmen umgeben, die bei der Auslagerung daheim geblieben sind, um den Transport zu erleichtern.

„Es ist die erste Ausstellung dieser Art”, betont Museumsdirektor Peter van den Brink mit Stolz, dem es zu verdanken ist, dass ein längst von Thomas Fusenig erstelltes Verzeichnis endlich als respektabler Katalog mit wissenschaftlichen Beiträgen und großformatigen Abbildungen entstehen konntet. „Nur ein Katalog, bei dem man die Abbildungen erkennen kann, ist dazu geeignet, Bilder vielleicht sogar wieder zu finden”, betont van den Brink.

Das brisante Thema „Beutekunst” will er zum Abschluss der Schau im Februar 2009 bei einem fachlich fachlich besetzten Symposiums in Aachen behandeln. „Es wird Zeit, dass wir einmal überlegen, wie wir in Deutschland mit dem Thema umgehen, aber auch wie wir mit den Angelegenheiten im juristischen Sinne umgehen, wie wir den Händlern begegnen, die wussten dass es sich um gestohlene Kunst handelt, und wie es mit den Auktionshäusern aussieht”, skizziert van den Brink die Ziele der Tagung.

In der von Heinrich Becker sorgfältig kuratierten und geradezu dramatisch gestalteten Ausstellung, die den sinnigen Rahmen für das Treffen bilden wird, gibt es nicht nur die Abbildungen der verschwundenen Werke, die in dieser Form der Präsentation auf schiefergrauem Untergrund wiederum eine eigene faszinierende Ästhetik erlangen.

Originale als Einzelbilder

Es sind auch einige erhaltene Stücke aus Zyklen dabei, die erahnen lassen, wie die Farbgebung der verlorenen Einzelbilder aussehen würde - etwa eine romantische „Bilderzählung” der Wilhelm-Tell-Sage von Johann Adam Eberle, von der nur noch die glückliche Heimkehr des Helden erhalten ist. Als „verschwunden” gilt ein in seinen Ausmaßen beeindruckendes Altarbild mit der Darstellung der heiligen Ursula.

„Es war ausgeliehen, aber irgendwann war es weg, niemand weiß, wie das geschehen konnte”, erzählt van den Brink eine von vielen rätselhaften Geschichten, die sich um Bilder, Sammler und historische Ereignisse ranken.

Und so liest sich der umfangreiche Katalog mit qualifizierten Beiträgen zu den Werken vom 14. bis 20. Jahrhundert zum Teil wie eine Kriminalakte. Manches bleibt Vermutung, immer wieder gibt es neue Hinweise, die findige Rechercheure deuten und damit ein wenig Licht in dunkle Vorgänge bringen. Was ist auf der Albrechtsburg wirklich geschehen? Was war danach?

Historische Fotos, die in einer Projektionsserie im Ausstellungsraum gezeigt werden, geben unter anderem Einblick in die eng bepackten Holzregale des Meißener Depots - auf einem dieser Foto ist sogar Felix Kuetgens, damaliger Direktor des Suermondt-Museums, zu sehen, wie er eine Rethel-Skizze betrachtet.

Sehr konkrete Kriegsspuren zeigt im Vorraum zur Ausstellung, wo es Informationen zum Gesamtkonzept gibt, ein von Granatsplittern beschädigter Rahmen. Nur die Fetzen eines Ölgemäldes, das vermutlich einen Aachener Stadtbrand zeigte, sind übrig - konkrete Spuren der Zerstörung von Kunst.

Das Thema bleibt spannend. So wird van den Brink Ende des Monats nach Genf reisen, wo sich in einem Bankschließfach eine verschwundene Rubens-Skizze befinden soll. Und was geschieht mit den „Schattenbildern”? „Vielleicht können wir sie versteigern”, meint der Kurator. „Wir würden gern Originale, die noch in den Büros der Stadtverwaltung hängen, gegen solche Bilder austauschen, das ist einfach sicherer.”