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Die Rechner waren groß wie ein Zimmer

Die Rechner waren groß wie ein Zimmer

Aachen (an-o) - Vor 45 Jahren hielten im Haus Appelrath am Aachener Dom die ersten Rechenanlagen des Rechenzentrums der RWTH Einzug. Der Auftakt zu einer rasanten Entwicklung: In weniger als einem halben Jahrhundert von der elektronischen Steinzeit in die schöne neue Multimedia-Welt.

Ende der 50er Jahre bewältigte die legendären Zuse Z22 zum Stolz der Gründungsväter des Aachener Rechenzentrums ganze 30 Rechenoperationen pro Sekunde. Heute leistet der hochmoderne SUN-Cluster in der gleichen Zeit etwa 1,2 Billionen Operationen. Einer von heute rund 10.000 gewöhnlichen Hochschul-PCs verfügt über mehr Rechenkapazitäten als das gesamte Aachener Rechenzentrum zu Beginn der 70er Jahre.

Eine schier unglaubliche Entwicklung, die selbst kühnste Erwartungen übertraf: "Anfang der 50er Jahre baute sich jeder Experte meist seinen eigenen Rechner - Hauptsache, er funktionierte irgendwie", erinnert sich Dieter Haupt, der ehemalige Leiter des Rechenzentrums. Mit der Zeit aber wuchs der Wunsch, auch in Aachen einen der neuen Super-Rechner vom Typ Zuse Z22 bewundern zu können. Das erwies sich indes als schwierig: Die neuen Maschinen kosteten Unsummen, und waren von einem Lehrstuhl alleine kaum zu finanzieren. Deshalb sollte eine zentrale Einrichtung entstehen, die der gesamten Hochschule von Nutzen sein konnte. Die damalige Argumentation: Lieber eine Maschine anschaffen, "als 100 Rechenmädchen beschäftigen".

Die teure Zuse

Gründungsvater und Informatiker Hubert Cremer hatte schon früh die Zeichen der Zeit erkannt, und nach einem USA-Besuch 1952 die richtungsweisende Fachtagung "Probleme der Entwicklung programmgesteuerter Rechen- und Integrieranlagen" in Aachen ausgerichtet.

Manche Pokerrunde mit der Deutschen Forschungsgemeinschaft war in der Folge jedoch nötig, um die Finanzierung der teuren Zuse und später "Siemens 2002" auf die Beine zu stellen. Doch im Jahre 1958 war es dann so weit, die erste Z22 mit Lochstreifenleser und -drucker konnte unweit des Aachener Münsters ihren Betrieb aufnehmen.

Und der entnervte Computer-User heutiger Tage hört mit Wohlwollen: "Auch damals kam es oft vor, dass die Maschine nicht so funktionierte, wie wir uns das vorgestellt hatten", lacht Walter Ullrich, der die Gründungsjahre des Zentrums zunächst als studentische Hilfskraft, später als Ingenieur hautnah erlebte. Immerhin: "Mit einem Arbeitsspeicher von sagenhaften 30 Kbit konnten wir schon einiges anfangen". Wenig Interesse an der neuen Technik habe damals allerdings die Wirtschaft gezeigt.

"Es entstanden plötzlich Rundungswerte, weil Dezimalzahlen in Binärzahlen umgerechnet werden mussten - für Kaufleute und Buchhalter eine unerträgliche Vorstellung", erklärt Ullrich.

(K)ein krummes Jubiläum

Für Informatiker aber besteht die Welt bekanntlich nur aus Nullen und Einsen. Und das erklärt auch die Feierlichkeiten zum 45-jährigen Geburtstag des Rechenzentrums: Aus dem "krummen" wird für den Mathematiker flugs ein "gerades" Jubiläum - und schon darf der Schampus fließen.