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„Die Räuber“ von Matthias Gehrt am Schauspiel Mönchengladbach

Unrecht, Freiheit, Liebe : „Die Räuber“ von Matthias Gehrt am Schauspiel Mönchengladbach

Schillers „Die Räuber“ in Fassung und Inszenierung von Matthias Gehrt am Schauspiel Mönchengladbach ist wildes, mutiges Theater, das begeistert.

Die Publikum ist offenbar reif für Stücke, die danach suchen, wie sich die Welt verändern könnte. Im Theater Mönchengladbach jedenfalls war bei Schillers „Die Räuber“ eine Premiere mal wieder gut besucht – nach halbleeren Sälen beim eher unterhaltenden Theaterprogramm dieser Spielzeit.

Und irgendwie macht der allgemeine, fast jubelnde Applaus nach der Aufführung der mutigen, streitbaren, formal wie emotional explosiven Inszenierung von Schauspieldirektor Matthias Gehrt Hoffnung, dass ein Stadttheater sich nicht mit TV-Formaten wie „Dschungelcamp“ messen muss, um seine Existenzberechtigung zu beweisen. Wir empfehlen Vorstellungsbesuch.

Auflösung im Chor

Gehrt, und mit ihm sein Team aus Bühnenbildnerin Gabriele Trinczek und Ausstatterin Petra Wilk, haben – nach Einar Schleef –  die antiken sowie Shakespeare’schen Wurzeln von Schillers für seine Zeit neue dramatische Sprache aufgesucht. Und in den theatralen Mitteln der 80er-Jahre gespiegelt. Das Bühnenhaus ist fast nackt, der Raum perspektivisch tief zugespitzt und schwarz.

Neonröhren leuchten. Garderobenständer reihen sich wie Kreuze. Ein rollbarer Guckkasten zeigt ein barockes Schlossgemach. Pink Floyd wummert. Schauspieler im grauen Einheitsdress bei Dehnübungen finden sich hernach zum Unisono-Chor an der Rampe. Mit bereitstehenden Kostümen werden sie zu Figuren: die Brüder Karl und Franz, die in der Nachfolge ihres adligen Erzeugers, des alten Moor, getrennte Wege gehen, das Rechte suchen und doch das Falsche tun – was bleibt ihnen übrig in dieser Welt. Amalie, die Liebe Suchende.

Henning Kallweit gibt dem Franz, dem Zukurzgekommenen auf Suche nach Gerechtigkeit, all die Verzweiflung und kriminelle Energie mit, die ihn als despotischen Intriganten mit verwundeter Seele zeigt. Philipp Sommer kann sich als Karl, der schöne Freiheitsliebende mit Robin-Hood-Attitüde, extrem entäußern in der Verzweiflung seines Scheiterns. Beide Schauspieler treffen Herz und Bauch des Publikums, bevor sie wieder im Kollektiv (oder anderen Rollen) verschwinden. Denn das ist die Idee von Gehrts Inszenierung: das reine Shakespeare’sche Individualisten-Handwerk in der Idee des Chores, hier der Räuberbande, aufgehen zu lassen. Illusion und Dekonstruktion zu vereinen. Und dennoch die alte Geschichte zu erzählen, als sei sie neu.

Hier fügt sich auch Vera Maria Schmidt bruchlos ein, die als Amalia im grünen Reifrockkleid bis zur Selbstzerstörung lieben muss um im nächsten Moment bei der Räuberpistole mitzumischen. Alles ist offen an diesem Theaterabend, alles gebrochen. Vieles gelingt grandios, einiges entgleist. Beispiel Soundtrack. Pink Floyds psychodelische Akkorde bilden eine nachvollziehbare Klammer, mitreißend die Trauermusik mit einem Schubert-Andante ohne Melodie, albern das Mundharmonika-Gewimmer aus „Spiel mir das Lied vom Tod“ zu in Bühnennebel versinkenden Welten, wunderbar barbarisch Ton-Steine-Scherben.

Fünf Schauspieler stemmen diese Produktion, lassen wir den großen alten Joachim Henschke in Barockbluse und Leichenhemd außen vor. Gehrt hat ein Team Hochmotivierter geformt, das sich des zwar sehr gekürzten, aber schwierigen Schiller-Textes nach Kräften annimmt, sogar aktuelle Kapitalismus-Kritik wie bruchlos integriert. Ein eindrucksvoller, nachhaltiger, bis zuletzt spannender Theaterabend.