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Aachen: Die pralle Lebenslust

Aachen : Die pralle Lebenslust

„Bühne frei für die Musikhochschule“ heißt es jährlich gegen Ende der Spielzeit im Theater Aachen. Dann ist die Premierenstimmung immer eine andere als bei den „normalen“ Opernpremieren:

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Es brodelt noch mehr in der Aufregungskiste, Familien und Freunde der nun im Mittelpunkt stehenden Sängertalente sitzen angespannt im Zuschauerraum und wachen aufmerksam über jeden Lacher und jede Publikumsreaktion. So auch in diesem Jahr, als sich die Musikhochschule Köln, Standort Aachen, mit einem Werk des Walzerkönigs Johann Strauß vorstellte, der Operette „Eine Nacht in Venedig“.

Jeder Dirigent scheint davon zu träumen, wie Carlos Kleiber be-reits in den Begrüßungsapplaus die ersten Takte einer Strauß-Ouvertüre hineinschmettern zu lassen. Auch Dekan Herbert Görtz kann sich diesen Beginn nicht verkneifen, genießt den Effekt und musiziert mit dem jungen Orchester der Hochschule in homogenem Gesamtklang mit Freude, Leichtigkeit und sensiblem Genuss der Strauß’schen Stilelemente von Walzer und Marsch bis zu Polka und den duftigen Duetten. Auch die zahlreichen Instrumenten-Soli lassen viel Schönes hören.

Als Venedig-Szenerie hat Tassi-lo Tesche die Drehbühne mit ei-nem farbenfrohen, wunderschön kitschig durchzogenen Bilderbuch-Venezia unserer Gegenwart bestückt: Touristentaverne mit Fischtheke, Grotte mit Lichterkette, Gondelanlegeplatz vor dem Hintergrund einer verschwommenen Sicht auf die Lagune — eine heile Welt, die uns gleichzeitig den normalen Wahnsinn vorführt. Denn in diesem abwechslungsreichen Ambiente lässt der Regisseur Martin Philipp Liebesnöte und Zukunftsträume, Eifersucht und pralle Lebenslust von Typen miterleben, wie sie nicht nur in Venedig zu finden sind.

Da ist der Kneipenbesitzer Pap-pacoda, von Christoph Plessers als sympathische „Thekenrampensau“ dargestellt, der von der hübschen Dorothee Thömmes als Kellnerin Ciboletta vom Hafen der Ehe überzeugt werden muss. Als zweites Buffo-Paar kämpfen der herzogliche Diener Caramello von dem smart-kernigen Tenor-Komiker Guy van Horne und die resolute Annina der Birgit Deckers, stimmlich bereits jetzt auf eine exquisite Adele oder Blonde in spe hinweisend, um ihr Glück.

Ursache für alle Verwechslungen ist Sabrina Peltzer als Signora Barbara mit roter „Germany’s next Topmodel“-Mähne. Ihr Gatte Senator Delaqua (spießiger Beamter und sehr gut deklamierend: Michael Herget) will seine schöne Frau vor dem Frauenhelden Herzog von Urbino verstecken. Sérgé Bosch gibt diesen Sonnyboy elegant im weißen Dinner-Jacket und mit tremolierendem Tenorkern. Doch statt Urbino besitzt bereits Delaquas Neffe Enrico von Felix Wessendorf die Gunst der Barba-ra. Und mitten durchs Geschehen wuselt ein engagierter Chor mit rundem Klang und allerlei witzigen Individualisierungen von großen Frauen und kleinen Männern und bildet den Background für den hinreißend komischen Auftritt der männerverrückten Agricola von Elo Tammsalu-Schmitz: Ihr „Schwipserl“ wurde zum „High-light-Schmankerl“.

Auch wenn es rhythmisch oft gefährlich wackelte, auch wenn vorrangig zu schnell gesprochen wurde, auch wenn manche Töne nicht so schön klangen, wie sie gewollt waren — die Aufführun-gen der Hochschule sind immer wieder ein Mut machender Jung-brunnen für das Musiktheater von morgen. Das Publikum ließ sich offen und gerne von diesem Enthusiasmus begeistern und feierte seine Operettenhelden im Feuerwerk des venezianischen Karnevals mit „Bravi“, „Grazie“ und temperamentvollem Applaus.