Theater Aachen: Die Oper aus weiblicher Perspektive

Theater Aachen : Die Oper aus weiblicher Perspektive

Die Schweizerin Nina Russi inszeniert Bernsteins „Trouble in Tahiti“ und „A Quiet Place“ für das Theater Aachen – und liefert eine frische Perspektive.

Nina Russi sprüht vor Ideen, und an  der männlichen Übermacht bei Operninszenierungen würde die 34-jährige gern etwas ändern. Und sie ist ja auch schon damit beschäftigt. Ihre Überzeugung: Es gehören mehr weibliche Aspekte auf die Bühne. Besonders die weiblichen Charaktere in den Opern werden ihr zu sehr aus männlicher Perspektive interpretiert. „Das geht  durchaus anders“, betont sie und tritt den Beweis an, sooft man sie lässt. Für das Theater Aachen inszeniert sie zurzeit „Trouble in Tahiti“ und „A Quiet Place“ von Leonard Bernstein (Premiere 10. Februar, 18 Uhr), ein Früh- und ein Spätwerk des amerikanischen Komponisten, die inhaltlich eine Einheit bilden und damit in der Opernliteratur eine Besonderheit darstellen.

Die Eltern streiten sich

Es geht um die Familie. Zunächst wird erzählt, wie die Eheleute Dinah und Sam versuchen, die Turbulenzen ihrer kriselnden Beziehung zu überwinden. „A Quiet Place“ spielt 30 Jahre später. Dinah ist gestorben, die Familie trifft sich zur Beerdigung, alte Konflikte brechen mit Vehemenz auf. Um zu zeigen, wie sich Konflikte der Eltern auf Kinder auswirken, wird Nina Russi den „kleinen Sam“, von dem im Original nur gesprochen wird, in Aachen als jugendlichen Darsteller auf die Bühne zu bringen.

„Eine interessante Aufgabe“, sagt Nina Russi. „Die beiden Musikstücke sind durch den zeitlichen Abstand geprägt, der auch Bernstein verändert hat.“ Die avantgardistischen Kompositionen, in denen Jazz und Unterhaltungsmusik aufklingen, dokumentieren Bernsteins Traum von einer amerikanischen Operngattung. „Das klingt alles sehr leger, es steckt aber mehr dahinter“, meint die Regisseurin. „Man spürt, wie viel in dieser Familie unter den Teppich gekehrt worden ist. Das macht ,A Quiet Place‘ so explosiv.“ Die Regie beginnt bei ihr stets mit der Vision.

Als 16-Jährige ging die Schweizerin, in Zürich geboren, nach Hamburg, wo sie an der Stella Academy studierte. Es folgten Engagements als Musicaldarstellerin. „Ich wollte das unbedingt, davon konnte mich niemand abbringen“, erzählt sie. „Und Hamburg war für mich nach der engen Schweiz tatsächlich das Tor zur Welt.“ Nach intensiven Bühnenerfahrungen war das Gefühl der Enge bald wieder da. Immer häufiger dachte Nina Russi bei Anweisungen der jeweiligen Regisseure „Würde ich anders machen“ oder sogar „ganz falsch“. Irgendwann meinte ein Freund: „Dann musst Du eben selbst Regie machen.“ Ein guter Rat. Aber wie? Nochmal studieren? Nein. Für sie war die Praxis die beste Lehre. Sie wanderte von einer Hospitanz zur anderen, bewegte sich schließlich im Umfeld von Regie­stars wie Robert Wilson, Hans Neuenfels, Harry Kupfer, Graham Vick und Grischa Asagaroff. Als Stipendiatin internationaler Regieprogramme, etwa beim „International Summer Arts Programm“ in Watermill, New York,  oder bei der Europäischen Akademie für Musik & Darstellende Kunst in Montepulciano bei Michael Hampe. Bayreuth, Salzburg, Warschau: „Nur so konnte ich dieses Handwerk lernen“, betont sie. „Mir wurden immer mehr Aufgaben übertragen, das war toll, da hatte ich auch bald Feedback.“

Bald schon eigene Projekte

Aus den Assistenzen wurden eigene Projekte – das junge Regietalent mit Energie und Ideen fiel auf. Die Inszenierung der Kinderoper „Die Gänsemagd“ von Iris ter Schip­horst am Opernhaus Zürich war für Nina Russi ein entscheidender Schritt. „Zu Hause zu inszenieren und dann sogar noch an diesem großartigen Haus, das ist mir wichtig“, strahlt sie. „Und Kinder sind ja das strengste Publikum.“ Der Positionswechsel von der Darstellerin zur Regisseurin ist ihr mühelos gelungen. „Endlich bin ich dran und kann meine Ideen umsetzten, mich auf Akteure und Werke einlassen, und ich bin mir dabei meiner großen Verantwortung bewusst“, sagt sie.

Sind es bisher noch die Uraufführungen und die kleineren Werke, die man ihr anbietet, hat sie Lust auf mehr. „Klar würde ich eine ,La Traviata“ machen, aber gern auch mal Operette, etwa ,Wiener Blut“ oder ,Die Fledermaus‘“, schwärmt sie. Die Bernstein-Opern im Theater Aachen sind für sie eine Chance, sich im großen Raum auszudrücken. Demnächst ist eine Händel-Oper in Zürich an der Reihe. Über sich und ihre Arbeit sagt Nina Russi heute schlicht: „Ja, das bin ich.“

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