1. Kultur

Köln: Die Not und das siebte Gebot: Vor 60 Jahren wurde „gefringst”

Köln : Die Not und das siebte Gebot: Vor 60 Jahren wurde „gefringst”

Im Hungerwinter 1946/47 war der Rhein wochenlang mit Eisschollen bedeckt. Die Rheinländer froren und mussten dabei mit ansehen, wie die Siegermächte des Zweiten Weltkriegs aus dem linksrheinischen Revier zügeweise Braunkohle abtransportierten.

Viele Notleidende brachen in dieser Situation das siebte Gebot „Du sollst nicht stehlen” - und klaubten mehr als nur die von den Waggons gefallenen Kohlestücke auf.

In einer legendär gewordenen Silvesterpredigt schien der damalige Erzbischof von Köln, Josef Kardinal Frings, diese Form des Mundraubs sogar moralisch zu billigen. Daraufhin entstand der heute noch im Rheinland für Notdiebstahl übliche Begriff „fringsen”. Der gebürtige Neusser Frings wäre am 6. Februar 120 Jahre alt geworden.

Frings Predigtworte verbreiteten sich wie ein Lauffeuer in Köln und Umgebung. In den ersten Januarwochen nahm der sowieso schon weit verbreitete Kohlenklau noch zu. Die britischen Besatzer wollten den Kardinal deshalb zur Rede stellen. Für den 17. Januar 1947 wurde der Kirchenmann in den Düsseldorfer Stahlhof zitiert, in dem die Militärregierung für die Nordrheinprovinz residierte, auch wenn 1946 bereits das Bundesland Nordrhein-Westfalen geschaffen worden war.

Da der zivile Wirtschaftsdezernent, der Brite William Asbury, an diesem Tag länger zu Mittag aß als gedacht, war er zur verabredeten Zeit nicht in seinem Büro. „Schlitzohr” Frings wartete nur eine Viertelstunde, hinterließ dann seine Visitenkarte und sagte zu seinem Fahrer: „Jetzt schleunigst weg. Es konnte gar nicht besser gehen.” Dies berichtet sein Biograf, der Priester und Kirchenhistoriker Norbert Trippen (70) in Köln. Er weiß auch, dass die Briten dem Kardinal noch lange grollten. Noch im Mai 1947 habe der Britische Oberkommandierende am liebsten Frings polizeilich vorführen lassen wollen. Die Briten taten das dann aber nicht, um einen Kulturkampf mit den katholischen Rheinländern zu vermeiden.

Nach Angaben Trippens lautete der zur Sensation gewordene Satz in Frings´ Predigt: „Wir leben in Zeiten, da in der Not auch der einzelne das wird nehmen dürfen, was er zur Erhaltung seines Lebens und seiner Gesundheit notwendig hat, wenn er es auf andere Weise, durch seine Arbeit oder Bitten, nicht erlangen kann.” Der folgende Satz des Kardinals werde aber meist unterschlagen: „Aber ich glaube, dass in vielen Fällen weit darüber hinaus gegangen worden ist. Und da gibt es nur einen Weg: unverzüglich unrechtes Gut zurückzugeben, sonst gibt es keine Verzeihung bei Gott.”

Für Trippen, der 1962 von Frings zum Priester geweiht wurde, ist Kardinal Frings ein großer Mann der katholischen Kirche. Er sei mehr als der Pate für das Verb „fringsen”. „Ich glaube, Frings ist auch verantwortlich dafür, dass Joseph Ratzinger heute Papst Benedikt XVI. ist, denn er war es, der den jungen Theologen Ratzinger in den 60er Jahren mit auf das II. Vatikanische Konzil nahm und ihn in Rom einführte.”

Unvergessen im Rheinland ist Frings so oder so. Er, der von 1942 bis 1969 Bischof von Köln war und 1978 starb, ist Ehrenbürger von Köln und Neuss. Vergangenes Jahr wurde die Südbrücke über den Rhein zwischen Düsseldorf und Neuss in Josef-Kardinal-Frings-Brücke umbenannt. Bei der Feier zur Umbenennung konnten Besucher übrigens „rückwärts fringsen”. Gegen eine Spende für Bedürftige wurden Briketts verkauft.